Gesundheitsbehörden führen die Entwicklung sowohl auf anhaltende Übertragungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen als auch auf Defizite in Prävention, Diagnostik und Zugang zu Tests zurück.
Besonders alarmierend ist der Anstieg der angeborenen (kongenitalen) Syphilis. Dabei wird der Erreger während der Schwangerschaft von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen.
In den EU/EWR-Ländern mit kontinuierlicher Datenerfassung stieg die Zahl der Fälle von 37 im Jahr 2015 auf 127 im Jahr 2024 – ein Anstieg von rund 243 % innerhalb eines Jahrzehnts.
Unbehandelte Syphilis in der Schwangerschaft kann schwerwiegende Folgen haben, darunter Fehlgeburten, Totgeburten, Frühgeburten oder schwere gesundheitliche Probleme beim Neugeborenen.
Da eine solche Infektion in den meisten Fällen durch frühe Tests und rechtzeitige Behandlung während der Schwangerschaft verhindert werden kann, wertet das ECDC die steigenden Zahlen als deutliches Warnsignal für Lücken in Screening‑ und Vorsorgeprogrammen.
Die Überwachungsdaten zeigen, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders stark betroffen sind.
Männer, die Sex mit Männern haben (MSM) machen weiterhin einen großen Anteil der Diagnosen aus. In dieser Gruppe sind die Fallzahlen von Gonorrhö, Syphilis und Chlamydien in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen.
Gleichzeitig nehmen Infektionen auch unter heterosexuellen Männern und Frauen zu. Dazu zählen insbesondere Frauen im gebärfähigen Alter, was wiederum das Risiko für angeborene Syphilis erhöht.
Dieses Muster deutet darauf hin, dass sich STI‑Epidemien nicht auf einzelne Gruppen beschränken, sondern zunehmend in verschiedenen Alters‑ und Bevölkerungsgruppen verbreiten.
Neben den epidemiologischen Daten analysiert das ECDC auch die nationalen Reaktionen der Staaten auf STI‑Epidemien. Dabei wurden mehrere strukturelle Schwächen sichtbar.
Im Jahr 2024 beteiligten sich 29 von 30 EU/EWR-Ländern an einem neuen Monitoring‑System, das nationale Maßnahmen in vier Bereichen bewertet: politischer Rahmen, Prävention, Testangebote und Behandlung.
Der Bericht identifiziert wiederkehrende Probleme:
Solche Lücken können dazu führen, dass Infektionen später erkannt werden und sich weiter verbreiten.
Der Anstieg der STIs ist Teil eines größeren Problems. Analysen des ECDC zeigen, dass die EU‑ und EWR‑Länder derzeit nicht auf Kurs sind, mehrere Gesundheitsziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung zu erreichen – darunter Ziele zur Bekämpfung von HIV, Virushepatitis, Tuberkulose und sexuell übertragbaren Infektionen.
Ohne stärkere Präventions‑ und Testprogramme könnte die Zahl der Infektionen weiter steigen.
Um die Entwicklung zu stoppen, nennt das ECDC mehrere zentrale Handlungsfelder für nationale Gesundheitssysteme.
Bessere Überwachung
Länder sollen ihre STI‑Überwachungssysteme ausbauen und Daten stärker verknüpfen, etwa Infektionen bei Schwangeren mit Geburtsdaten, um Fälle angeborener Syphilis besser nachverfolgen zu können.
Ausbau von Präventionsprogrammen
Gezielte Präventionsmaßnahmen sollen für besonders gefährdete Gruppen verstärkt werden, gleichzeitig aber auch die Ausbreitung in heterosexuellen Bevölkerungsgruppen berücksichtigen.
Niedrigschwelliger Zugang zu Tests
Behörden sollen Hindernisse beim Zugang zu STI‑Tests abbauen, Screeningprogramme ausweiten und Testangebote stärker in allgemeine Sexualgesundheitsprogramme integrieren.
Stärkere Vorsorge in der Schwangerschaft
Das ECDC empfiehlt robuste Vorsorgeprogramme mit Syphilis‑Screenings während der Schwangerschaft sowie – in Ländern mit steigenden Zahlen – zusätzliche Tests im dritten Trimester.
Schnelle Behandlung und Nachverfolgung
Frühe Diagnose und sofortige Behandlung, insbesondere bei Syphilis während der Schwangerschaft, sind entscheidend, um schwere gesundheitliche Folgen zu verhindern und Übertragungsketten zu unterbrechen.
Die aktuellen Daten senden eine klare Botschaft: Die STI‑Epidemien in Europa breiten sich derzeit schneller aus, als bestehende Präventions‑ und Kontrollsysteme sie eindämmen können.
Um den Trend umzukehren, sind koordinierte Maßnahmen in den Bereichen Überwachung, Prävention, Testzugang und Behandlung notwendig. Ohne solche Verbesserungen könnten Infektionen und ihre gesundheitlichen Folgen in Europa weiter zunehmen.
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