Die französische Vorstellung vor der Pause war, da sind sich alle Beobachter einig, schlichtweg nichtssagend. Die Mannschaft von Didier Deschamps brachte exakt einen Schuss zustande – für die Équipe Tricolore die schwächste erste Halbzeit in einem WM-Spiel seit 1966 . Senegal hingegen trat spritziger auf und hatte zweimal Pech oder fehlte die Präzision. Nicolas Jackson traf nur den Pfosten, und Ismaïla Sarr vergab eine Großchance aus kürzester Distanz kläglich
. So ging es torlos in die Kabinen, und der zweimalige Weltmeister konnte sich glücklich schätzen, nicht zurückzuliegen.
Deschamps räumte später ein, sein Team habe „viele Fehler“ gemacht, und er habe seinen Spielern in der Halbzeitpause einige „unbequeme Wahrheiten“ mit auf den Weg gegeben .
Die zentrale Kontroverse der Partie erreichte kurz vor der Stundenmarke ihren Höhepunkt. Beim Stand von 0:0 brach Mbappé in den senegalesischen Strafraum ein und ging nach einer Grätsche von Sadio Mané zu Boden. Schiedsrichter Faghani entschied zunächst auf Eckball, wurde dann aber vom VAR an den Monitor am Spielfeldrand gerufen .
Doch nach kurzer Überprüfung blieb Faghani bei seiner ursprünglichen Entscheidung: kein Elfmeter. Über die Stadionlautsprecher verkündete er den erstaunten 80.545 Zuschauern, Mbappé habe den Kontakt „initiiert“ . Die Szene zog wütende Proteste der französischen Bank nach sich und war fortan das beherrschende Gesprächsthema
.
Die Zeitlupen zeigten deutlich, dass Mané Mbappés Bein getroffen hatte. Mehrere Medienhäuser beschrieben die Nicht-Entscheidung als klaren Fehlpfiff . Es war der äußerst seltene Fall, dass ein Unparteiischer nach einer Bildschirm-Überprüfung die eigentliche VAR-Empfehlung verwarf
.
Angestachelt von der gefühlten Ungerechtigkeit schalteten die Franzosen mehrere Gänge hoch. Die Einwechslung von Bradley Barcola und die taktische Rochade, Michael Olise tiefer ins Mittelfeld zu ziehen, erwiesen sich als spielentscheidende Schachzüge .
Die Erlösung folgte in der 66. Minute. Mit einem Traumpass aus der Tiefe hebelte Olise Senegals Abwehr aus und fand den startenden Mbappé, der Édouard Mendy direkt mit dem ersten Kontakt überwand . Es war Mbappés 57. Länderspieltor – damit stellte er Olivier Girouds ewigen Rekord ein
.
Das zweite Tor fiel in der 82. Minute durch einen wunderbaren Lupfer von Barcola, ideal vorbereitet von Adrien Rabiot .
Tief in der Nachspielzeit geschah dann doch noch Überraschendes. Der senegalesische Joker Ibrahim Mbaye, ein 17-jähriger Stürmer, der in seiner Heimat bereits als „nächster Mbappé“ gehandelt wird, narrte Theo Hernández und zog aus spitzem Winkel flach zum 1:2 ab. Es war Senegals erstes Turniertor, und Mbaye krönte sich damit zum jüngsten afrikanischen Torschützen der WM-Geschichte .
Der Jubel währte kaum eine Minute. Praktisch direkt vom Anstoß weg schnappte sich Mbappé einen verirrten Ball, legte ihn sich mit einem Kontakt zurecht und drosch ihn aus über 20 Metern unhaltbar in den rechten Torwinkel .
Dieser Treffer war sein 58. im französischen Nationaltrikot und katapultierte ihn alleinig an die Spitze der vereinsinternen Rangliste vor Giroud . Mit nun 14 WM-Toren in seiner Karriere schloss Mbappé nach dieser Partie zudem zu Gerd Müller auf Platz drei der ewigen WM-Torschützenliste auf – nur noch zwei Tore trennen ihn von Miroslav Kloses Rekord (16)
.
Die sogenannten Expected-Goals-Werte (xG) spiegeln den Kontrollwechsel der zweiten Halbzeit wider. Einer Quelle zufolge endete Frankreich mit einem xG von etwa 0,73 zu Senegals 0,29, während ein alternatives Modell einen deutlicheren Vorteil von 1,89 zu 0,50 auswies . Beide Teams gaben jeweils fünf Torschüsse ab, Frankreich brachte aber drei aufs Tor (Senegal nur einen) und hatte 57 Prozent Ballbesitz
.
Didier Deschamps (Trainer Frankreich):
„Wir waren zu Beginn etwas ängstlich… In der Pause habe ich ihnen einige unangenehme Wahrheiten gesagt“, gestand er . Über seinen Kapitän schwärmte er: „Es wird immer Kritiker geben, aber er ist ein außergewöhnliches Talent. Er kann ein Spiel mit einer einzigen Aktion kippen“
. Besonders die Umstellungen rund um Olise und Barcola lobte er als das gewisse Etwas, „die Magie des Fußballs, wenn man diese Emotionen teilen kann“
.
Pape Thiaw (Trainer Senegal):
Der senegalesische Coach verwies auf die vergebenen Hochkaräter seiner Mannschaft vor der Pause als Beweis für die eigene Konkurrenzfähigkeit. „Wir hatten unsere Chancen… aber gegen einen Gegner wie Frankreich muss man sie eiskalt nutzen“, analysierte er . Mit dem Blick auf das anstehende Spiel gegen Norwegen forderte er nun eine sofortige Reaktion seiner Elf.
Frankreich steht nun punktgleich mit Norwegen an der Tabellenspitze. Die Skandinavier hatten ebenfalls ihr Auftaktmatch gewonnen . Senegal und der Irak starteten mit Niederlagen und stehen früh unter Zugzwang.
Mit Mbappés historischem Abend im Rücken reisen die Franzosen mit einer gehörigen Portion Rückenwind zum nächsten Spiel. Doch die wacklige erste Hälfte dient als Mahnung: In dieser Gruppe wird den Équipe Tricolore nichts geschenkt.