Herzstück des neuen Ansatzes ist das Akronym CROPS, das für fünf zentrale Prinzipien steht:
Diese Prinzipien definieren Ethereum laut Buterin als Infrastruktur für digitale Selbstbestimmung. Nutzer sollen Transaktionen durchführen und koordinieren können, ohne von zentralen Behörden, Unternehmen oder politischen Interessen abhängig zu sein.
In offiziellen Dokumenten wird Ethereum sogar als eine Art „Sanctuary Technology“ beschrieben – also als technologische Zuflucht, die langfristig offen, neutral und widerstandsfähig gegen Kontrolle bleibt.
Konkret bedeutet das unter anderem:
Auch finanziell soll sich die Stiftung verändern. Berichten zufolge plant die Ethereum Foundation, weniger ETH aus ihrer Treasury zu verkaufen und Fördermittel gezielter einzusetzen.
Die verbleibenden Mittel sollen vor allem Projekte unterstützen, die Ethereums grundlegende Eigenschaften schützen – etwa Sicherheit, Dezentralisierung oder öffentliche Infrastruktur.
Parallel dazu soll auch die Governance verändert werden. Buterin erklärte, sein eigener Einfluss innerhalb der Organisation solle langfristig abnehmen, während ein formelleres Board‑System aufgebaut wird.
Ironischerweise geschieht dieser Übergang in einer Phase, in der Buterin vorübergehend mehr Kontrolle ausübte. Anfang 2025 erklärte er öffentlich, dass er persönlich über die neue Führung der Stiftung entscheide – zumindest solange, bis ein „richtiges Board“ etabliert sei.
Langfristig soll die Foundation jedoch nur ein Akteur unter vielen im Ethereum‑Ökosystem sein, nicht dessen zentrale Steuerungsinstanz.
Ein weiterer Kernpunkt seiner Argumentation richtet sich gegen den Trend vieler Blockchains, mit immer höheren Leistungszahlen zu werben – etwa Millionen Transaktionen pro Sekunde.
Buterin sieht darin ein problematisches Ziel. Sehr hohe Durchsatzraten können zwar beeindruckend wirken, bringen jedoch oft höhere Hardware‑Anforderungen und komplexere Infrastruktur mit sich. Dadurch wird es für normale Nutzer schwieriger, selbst einen Node zu betreiben.
Das wiederum kann die Dezentralisierung schwächen, selbst wenn das Netzwerk schneller wird.
Buterin warnte zudem, dass die zunehmende Komplexität des Ethereum‑Protokolls langfristig dessen ursprüngliche Ziele gefährden könnte – insbesondere Trustlessness und Selbstsouveränität. Daher plädiert er dafür, das System wieder schlanker zu machen und unnötige Komplexität abzubauen.
Aus dieser Perspektive soll Ethereum nicht unbedingt die schnellste Blockchain sein – sondern die glaubwürdigste Infrastruktur für offene digitale Systeme.
Die Reformdebatte findet allerdings in einer Phase statt, in der die Ethereum Foundation ungewöhnlich stark unter Beobachtung steht.
Berichten zufolge haben 2026 mehrere hochrangige Mitarbeiter die Stiftung verlassen, darunter Forscher und Entwickler wie Carl Beek und Julian Ma. Insgesamt sollen mindestens acht Senior‑Mitglieder im Laufe des Jahres ausgeschieden sein, mehrere davon im Mai.
Einige Beobachter führen die Abgänge auf strategische Meinungsverschiedenheiten zurück, während andere sie als Teil eines normalen Umbruchs interpretieren. Trotzdem haben sie die Diskussion über die zukünftige Ausrichtung der Organisation deutlich verstärkt.
Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt ein Vorschlag des ehemaligen Ethereum‑Foundation‑Forschers Dankrad Feist.
Er schlug vor, eine neue Organisation mit mindestens 1 Milliarde US‑Dollar Finanzierung aufzubauen, die stärker auf den wirtschaftlichen Erfolg von Ethereum ausgerichtet sein soll.
Seine Kritik: Die Ethereum Foundation halte weniger als 0,1 % der gesamten ETH‑Supply und erhalte weder Staking‑Einnahmen noch Transaktionsgebühren. Dadurch sei sie wirtschaftlich nur begrenzt mit dem Erfolg des Netzwerks verbunden.
Feists Vorschlag sieht daher eine Institution vor, die:
Die aktuelle Debatte zeigt letztlich einen grundlegenden Unterschied in der Philosophie innerhalb der Ethereum‑Community.
Eine Seite argumentiert, Ethereum brauche aggressivere Strategie, stärkere wirtschaftliche Anreize und aktiveres Marketing, um im Wettbewerb mit schnelleren Blockchains zu bestehen.
Die andere – näher an Buterins Vision – sieht Ethereums größte Stärke in Neutralität, Glaubwürdigkeit und Dezentralisierung.
Ob Ethereum langfristig eher als technisch neutrales „digitales Gemeingut“ oder als stärker wirtschaftlich orientiertes Netzwerk organisiert wird, ist noch offen. Sicher ist nur: Mit dem CROPS‑Rahmenwerk und der Strategie „Longevity over Breadth“ versucht die Ethereum Foundation gerade, ihre Rolle grundlegend neu zu definieren – als Hüterin der Prinzipien des Netzwerks, nicht als dessen zentrale Steuerungsinstanz.