Samsungs mögliche Rückkehr auf Platz eins wäre weniger das Ergebnis eines plötzlichen Nachfragebooms als ein Zeichen relativer Widerstandsfähigkeit. Während der Gesamtmarkt deutlich schrumpft, erwartet Counterpoint für Samsung ein leichtes Wachstum.
Ein wichtiger Vorteil ist die vergleichsweise stark integrierte Lieferkette. Zusammen mit seinem etablierten Vertriebsnetz kann sie Samsung mehr Spielraum verschaffen als Herstellern, die stärker auf den externen Einkauf von Komponenten angewiesen sind. Der Konzern kann Geräte kontingentieren, wichtige Vertriebskanäle absichern und sein Portfolio an die steigenden Speicherkosten anpassen.
Hinzu kommt Samsungs große Bandbreite: Das Unternehmen ist sowohl im Einstiegs- und Mittelklassebereich als auch mit einer bedeutenden Premiumsparte vertreten. Diese Mischung erlaubt es, Volumen in mehreren Preissegmenten zu verteidigen, selbst wenn die Herstellung der billigsten Smartphones kaum noch profitabel ist. Premiumorientierte Anbieter wie Samsung und Apple dürften laut Counterpoint weniger stark betroffen sein als Marken mit größerer Abhängigkeit vom unteren Preissegment.
Der Spitzenplatz ist allerdings nicht garantiert. In einzelnen Quartalen lag Samsung bereits vorn, während Apple im ersten Quartal 2026 erstmals die Führung übernahm. Auch Starttermine neuer Modelle und regionale Unterschiede können die Rangfolge verändern. Für die Jahreswertung wird entscheidend sein, ob Samsung seine Versorgung aufrechterhalten kann und ob Apple seine Premiumverkäufe trotz eines kleineren Gesamtmarkts stabil hält.
Apple ist von der allgemeinen Verteuerung von Speicher ebenfalls betroffen. Das Geschäftsmodell lässt dem Unternehmen jedoch mehr Spielraum. Eine kaufkräftige Premiumkundschaft und höhere Margen machen es leichter, gestiegene Materialkosten zunächst selbst zu tragen oder nur teilweise an die Kunden weiterzugeben. Im zweiten Quartal hielt Apple seine Preise laut Counterpoint weitgehend stabil, während andere Hersteller sie anhoben.
Das ist besonders relevant, weil sich der Markt zunehmend in zwei Gruppen teilt: Käufer teurer Smartphones können höhere Preise eher akzeptieren, während preisbewusste Kunden einen Kauf verschieben oder sich für eine schwächere Ausstattung entscheiden. Der weltweite Smartphone-Umsatz stieg im zweiten Quartal 2026 trotz sinkender Stückzahlen um 7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das zeigt, wie ein höherer Durchschnittspreis den Umsatz stützen kann, wenn die Verkaufsmenge zurückgeht.
Apples Stärke bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass die Auslieferungen in jedem Zeitraum wachsen. Sie bedeutet vielmehr, dass das Unternehmen Umsatz, Nachfrage und Marktanteil besser schützen kann als Hersteller, die auf große Mengen günstiger Smartphones angewiesen sind.
Huawei ist ein weiterer relativer Ausnahmefall im chinesischen Markt. In einer früheren Prognose für 2026 bezeichnete Counterpoint Huawei als die einzige chinesische Marke, für die ein Wachstum der Auslieferungen erwartet wurde. Apple und Samsung galten dabei als die am besten abgeschirmten großen Hersteller.
Das übergeordnete Muster ist eindeutig: Unternehmen mit stärkerer Premiumpositionierung oder besser kontrollierten Lieferbeziehungen kommen mit einer Speicherknappheit eher zurecht als Marken, deren Wachstum vor allem auf Einsteiger- und Mittelklassegeräten basiert. Huaweis Widerstandsfähigkeit bleibt dennoch prognoseabhängig – insbesondere, weil sich die Bedingungen in China und auf Auslandsmärkten deutlich unterscheiden.
Im unteren Preissegment schlagen die steigenden Speicherkosten besonders stark durch. Bei günstigen Geräten macht der Speicher einen größeren Anteil der Materialkosten aus. Steigen die Preise für die Komponenten deutlich, schrumpft der Spielraum für die Hersteller. Gleichzeitig können Kunden in preissensiblen Märkten höhere Verkaufspreise weniger leicht auffangen.
Laut Counterpoint sinkt der Anteil von Smartphones für 99 US-Dollar oder weniger deutlich schneller als der Gesamtmarkt. Besonders gefährdet ist das Segment unter 150 US-Dollar. Für 2026 erwartet die Marktforschung zudem einen Rückgang der Auslieferungen von Einstiegsgeräten um mehr als 30 Prozent.
Für die Hersteller bleiben im Wesentlichen vier Reaktionen:
Jede dieser Maßnahmen macht den billigsten Teil des Marktes unattraktiver. Auf längere Sicht könnte das die Konsolidierung beschleunigen, Austauschzyklen verlängern und Verbrauchern weniger echte Low-Cost-Optionen lassen.
Transsion, Xiaomi und HONOR zählte Counterpoint in seiner früheren Prognose zu den besonders gefährdeten Marken. Im zweiten Quartal verzeichneten Xiaomi, OPPO und vivo unter den fünf größten Herstellern die stärksten Rückgänge. Ihre größere Abhängigkeit von speichersensiblen Einstiegs- und Mittelklassepreisen belastet die Stückzahlen.
Xiaomi, vivo, HONOR und OPPO reagieren darauf mit einer Verlagerung ihrer Portfolios nach oben. Premiumisierung bedeutet in diesem Fall nicht nur, mehr teure Smartphones auf den Markt zu bringen. Gemeint ist auch, die Abhängigkeit von margenschwachen Einstiegsgeräten zu verringern, stärker auf obere Mittelklasse und Premium zu setzen sowie Länder, Vertriebskanäle und Produktstarts gezielter auszuwählen.
Finanziell ist dieser Schritt nachvollziehbar. Ein teureres Smartphone bietet mehr Spielraum, um höhere Speicherkosten aufzufangen. Außerdem kann es einfacher sein, eine kleinere Zahl gut unterstützter Modelle zu beliefern als ein weit verzweigtes Einstiegsportfolio.
Der Preis dafür ist jedoch Reichweite: Die Hersteller können ihren Produktmix verbessern, gleichzeitig aber Stückzahlen und Kundschaft im preissensiblen Bereich verlieren. Erste Marktdaten zeigen den Druck hinter dieser Strategie. Xiaomi, OPPO und vivo verbuchten im zweiten Quartal die stärksten Rückgänge unter den führenden Marken. Auch in Indien gingen die Auslieferungen von vivo, realme, Xiaomi und OPPO im Jahresvergleich zurück.
Die Speicherkrise trifft die Regionen nicht gleichermaßen. Entscheidend sind unter anderem der Anteil von Premiumgeräten, die Verfügbarkeit von Finanzierungsmöglichkeiten und die jeweilige Markenstruktur.
Die Smartphone-Auslieferungen in Lateinamerika sanken im zweiten Quartal 2026 um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dem Rückgang war ein Bestandsaufbau im ersten Quartal vorausgegangen, als Anbieter sich auf erwartete Preiserhöhungen vorbereiteten. Danach folgte ein Rückzug bei den Auslieferungen. Samsung und Apple waren die auffälligen Ausnahmen unter den großen Marken: Samsung wuchs im Quartal um 6 Prozent, Apple um 5 Prozent.
Auch in Europa gingen die Auslieferungen im Jahresvergleich um 10 Prozent auf 35 Millionen Geräte zurück. Das war der niedrigste Wert für ein zweites Quartal seit dem zweiten Quartal 2023. Westeuropa hielt sich wegen der stärkeren Premium-Nachfrage besser; Apple entwickelte sich besonders gut, während Samsung leicht zulegte. Osteuropa war stärker betroffen, weil dort günstigere Geräte chinesischer Hersteller eine größere Rolle spielen.
Die regionale Schlussfolgerung entspricht dem globalen Bild: Märkte mit einem höheren Premiumanteil und besseren Finanzierungsmöglichkeiten können steigende Komponentenpreise eher verkraften. In Märkten, die stärker vom unteren Preissegment abhängen, brechen die Stückzahlen schneller ein.
KI-Funktionen können Premiumgeräte attraktiver machen und Herstellern helfen, sich voneinander abzuheben. Sie lösen aber nicht das grundlegende Versorgungsproblem. Wenn Speicher knapp oder unverhältnismäßig teuer ist, erhöhen zusätzliche speicherintensive Funktionen zunächst die Produktionskosten, statt den Gesamtmarkt mit bezahlbaren Geräten anzukurbeln.
Auch ein mögliches faltbares iPhone könnte Apples Premiumgeschäft erweitern. Ein hochpreisiges Faltmodell würde jedoch wahrscheinlich vor allem den Produktmix und den Umsatz verbessern – nicht zu einem breit angelegten Boom bei den Stückzahlen führen. Premiuminnovationen können also verschieben, welcher Anbieter den größten Teil des Werts abschöpft. Sie ersetzen aber nicht die verlorene Nachfrage im Einstiegssegment.
Die entscheidenden Variablen für 2026 und 2027 sind deshalb Speicherzuteilung, Vertragspreise, Verfügbarkeit und die Einkaufsmacht der Hersteller. Counterpoint führt die Krise auf Kapazitäten zurück, die für KI-orientierten High-Bandwidth Memory (HBM) und Server-DRAM eingesetzt werden, und erwartet einen deutlichen Anstieg der Speicherkosten für Smartphones.
Der wahrscheinlichste kurzfristige Verlauf ist ein kleinerer und stärker konzentrierter Smartphone-Markt:
Diese Prognosen können sich weiter verändern. Ende 2025 hatte Counterpoint für 2026 noch einen Rückgang von lediglich 2,1 Prozent erwartet. Spätere Prognosen lagen dagegen bei rund 14 Prozent. Die deutliche Revision zeigt, wie schnell sich die Marktaussichten durch veränderte Lieferbedingungen verschieben können.
Für Verbraucher bedeutet das voraussichtlich höhere Preise, weniger günstige Modelle und längere Wechselzyklen. Für Hersteller wird der Zugang zu Speicher und die Fähigkeit, profitable Produkte abzusichern, wichtiger sein als ein möglichst umfangreicher Katalog. Samsung und Apple können in einem schrumpfenden Markt dennoch Marktanteile gewinnen – nicht, weil die Krise gut für die Branche wäre, sondern weil sie Größe, Premiumprodukte und widerstandsfähige Lieferketten belohnt.