China versucht, Kernfusion aus dem Stadium einzelner Laborexperimente in ein industriepolitisch abgestütztes Energieprogramm zu überführen. Der Plan in Hefei folgt einer klaren Abfolge: EAST erforscht die stabile Führung heißer Plasmen, CRAFT testet zentrale Reaktorsysteme, und BEST soll um 2030 einen Nettoenergiegewinn und erstmals fusionserzeugten Strom demonstrieren. Die oft zitierte Formulierung, die „erste Lampe“ zu entzünden, beschreibt dieses Ziel – nicht Strom, der bereits aus einem kommerziellen Fusionskraftwerk kommt.
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Die Fusionskette in Hefei
In Hefei, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Anhui, stehen die drei wichtigsten Anlagen eng nebeneinander: der Experimental Advanced Superconducting Tokamak (EAST), die Comprehensive Research Facility for Fusion Technology (CRAFT) und der Burning Plasma Experimental Superconducting Tokamak (BEST). Sie erfüllen unterschiedliche Aufgaben.
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EAST: ein Plasma lange genug stabil halten
EAST ist ein supraleitender Tokamak. Er dient dazu, hochtemperiertes Plasma über lange Zeit stabil zu betreiben – eine Grundvoraussetzung für ein künftiges Fusionskraftwerk. Im Januar 2025 hielt EAST ein Plasma im Hochleistungsmodus 1.066 Sekunden lang aufrecht, also mehr als 17 Minuten.
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Entscheidend ist dabei nicht allein, das Plasma auf extreme Temperaturen zu bringen. Ein Reaktor muss es auch magnetisch einschließen, Dichte und Reinheit kontrollieren, Instabilitäten begrenzen und ausreichend lange zuverlässig arbeiten lassen. Arbeiten an EAST berichteten zudem über einen stabilen Betrieb bei extrem hoher Plasmadichte, wenn die Wechselwirkung zwischen Plasma und Reaktorwand gezielt kontrolliert wird.
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CRAFT: die Reaktortechnik unter realistischeren Bedingungen testen
CRAFT soll die ingenieurtechnische Lücke zwischen einem Tokamak-Experiment und einem stromerzeugenden Reaktor schließen. Die Forschungsanlage in Hefei konzentriert sich auf Technologien und Kernsysteme eines Fusionsreaktors.
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Denn ein erfolgreicher Plasmapuls reicht nicht aus: Magnete, Heiz- und Stromtriebssysteme, plasmaexponierte Materialien, Komponenten zur Abfuhr extremer Wärme und Konzepte für Wartung und Reparatur müssen als Gesamtsystem funktionieren. Berichten aus dem Jahr 2026 zufolge befand sich CRAFT in der abschließenden Testphase.
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BEST: der Schritt zur Stromdemonstration
BEST ist der direkte Versuch, aus Fusionsenergie nutzbaren Strom zu machen. Der kompakte supraleitende Tokamak wird in Hefei montiert und soll um 2030 einen Nettoenergiegewinn aus Fusion sowie fusionserzeugte Elektrizität vorführen. Ende 2025 wurde das 400 Tonnen schwere Fundament der Hauptanlage installiert. Im Jahr 2026 bestanden zwei supraleitende Magnete Volllasttests; die Fertigstellung der Anlage wird bis Ende 2027 angestrebt.
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Das ist ein sehr ambitionierter Zeitplan. Selbst eine erfolgreiche BEST-Demonstration wäre noch kein Nachweis für ein wirtschaftlich tragfähiges Kraftwerk. Ein solches Kraftwerk müsste nach Abzug seines Eigenverbrauchs dauerhaft nutzbaren Strom liefern, Neutronenschäden aushalten, Brennstofffragen bewältigen, wartbar sein und zu vertretbaren Kosten arbeiten.
Temperatur allein löst das Fusionsproblem nicht
Bei der magnetischen Fusion verschmelzen leichte Atomkerne in einem Plasma, das durch starke Magnetfelder von der Reaktorwand ferngehalten wird. Temperaturen von grob 100 bis 300 Millionen Grad Celsius schaffen erst die nötigen Bedingungen für die Reaktion – sie sind aber nur der Anfang.
Chinas Tokamak-Strategie hängt von mehreren miteinander verbundenen Fähigkeiten ab:
- Langzeit-Einschluss: Der Rekordbetrieb von EAST zielt auf ein Plasma, das nicht nur kurz aufflammt, sondern stabil bleibt.
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- Dichte- und Wandkontrolle: Das EAST-Ergebnis zur hohen Plasmadichte zeigt, wie stark der Kontakt zwischen Plasma und Wand die Leistungsfähigkeit begrenzen oder verbessern kann.
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- Supraleitende Hochfeldmagnete: Stärkere Magnetfelder können den Einschluss verbessern und kompaktere Anlagen ermöglichen. Im August 2026 kündigte ein von China Fusion Energy geführtes Konsortium im Jangtse-Delta an, Technologien für Hochtemperatur-Supraleiter und Hochfeldmagnete für Tokamaks zu entwickeln.
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- Reaktorintegration: CRAFT und BEST stehen für den Versuch, diese Einzeltechnologien zu einer funktionierenden Gesamtanlage zusammenzuführen.
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Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob ein einzelnes Subsystem einen Rekord erreicht. Entscheidend ist, ob der gesamte Reaktor sicher, wiederholbar, langlebig und wirtschaftlich betrieben werden kann.
Fusion wird zur industriepolitischen Priorität
China hat die Fusion ausdrücklich in seinen politischen Rahmen aufgenommen. Der 15. Fünfjahresplan für 2026 bis 2030 führt Kernfusion als eine Zukunftspriorität auf.
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Am 15. Januar 2026 trat das Atomenergiegesetz in Kraft. Es schafft einen Rahmen für Forschung, Entwicklung und friedliche Nutzung der Atomenergie und unterstützt ausdrücklich Forschung und technologische Entwicklung zur kontrollierten thermonuklearen Fusion.
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Zudem wurde mit China Fusion Energy Co. eine Tochtergesellschaft der China National Nuclear Corporation geschaffen. Das Unternehmen wurde mit einem registrierten Kapital von 15 Milliarden Yuan – rund 2,1 Milliarden US-Dollar – vorgestellt und soll staatlich gestützte Koordination und industrielle Beteiligung bündeln.
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Kapital und Lieferketten wachsen mit
Der weltweite Fusionswettlauf zieht zunehmend Kapital an. Nach Angaben der Fusion Industry Association sammelten 56 erfasste Fusionsunternehmen in den zwölf Monaten bis Juli 2026 zusammen 4,48 Milliarden US-Dollar ein; seit 2021 summiert sich das gemeldete Finanzierungsvolumen auf 14,24 Milliarden US-Dollar. Die Erhebung bildet China allerdings nur unvollständig ab, da dort mehrere Unternehmen sowohl staatlich als auch privat finanziert werden.
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Auch in China häufen sich große Finanzierungsrunden: Startorus Fusion erhielt in einer Series-A-Runde 1 Milliarde Yuan, Hefei Xinghe Fusion in einer Seed-Runde 830 Millionen Yuan.
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23 Unternehmen der Fusionsbranche in Shanghai hatten bis September 2026 zusammen fast 18 Milliarden Yuan eingesammelt. Das unterstreicht: Hefei ist ein zentraler Hardware-Standort, aber keineswegs Chinas einziges Fusionszentrum.
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Besonders relevant ist das Geld für Magnete, Spezialwerkstoffe, Kryotechnik, Vakuumsysteme und Präzisionsfertigung. Das Konsortium für Hochtemperatur-Supraleitermagnete ist ein konkretes Beispiel für den Versuch, eine heimische Lieferkette für einen technologischen Engpass aufzubauen.
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Was nach BEST käme
Langfristig verweist die chinesische Roadmap auf den geplanten China Fusion Engineering Test Reactor (CFETR). Er soll eine Brücke zwischen internationalen Experimenten und kommerziellen Fusionskraftwerken bilden. CFETR ist jedoch weiterhin geplant, nicht in Betrieb.
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Damit werden zwei Zeithorizonte leicht verwechselt:
- Um 2030: BEST soll einen Nettoenergiegewinn und eine erste Stromdemonstration aus Fusion versuchen.
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- In den folgenden Jahrzehnten: ein Demonstrationsreaktor und erst danach ein Kraftwerk, das dauerhaft kommerziell betrieben werden kann.
Analysen des chinesischen Fusionssektors verorten kommerzielle Stromerzeugung eher in den 2030er- und 2040er-Jahren als in einem bereits gesicherten Terminplan.
8 Eine kleine Last mit Fusionsstrom zu versorgen, wäre historisch. Ein Kraftwerk, das zuverlässig läuft, beschädigte Bauteile austauschen kann, Brennstoff beherrscht und mit anderen CO₂-armen Technologien konkurriert, ist jedoch eine deutlich höhere Hürde.
Fazit
Chinas Vorteil besteht nicht darin, dass das Land Fusionsenergie bereits gelöst hätte. Der Vorteil liegt im vernetzten Ansatz: Plasmaphysik bei EAST, Reaktorsystemtests bei CRAFT, ein Stromdemonstrationsziel mit BEST sowie politische Rückendeckung, staatliche Koordination und eine wachsende industrielle Basis.
BESTs Zielmarke 2030 ist der zentrale kurzfristige Prüfstein. Gelingt sie, würde China in der globalen Fusionsforschung einen wichtigen Schritt von Langzeit-Plasmaexperimenten hin zu einer integrierten Stromdemonstration machen. Die „erste Lampe“ bleibt allerdings ein Ziel – und kommerzielle Fusion hängt weiterhin davon ab, einen Reaktor dauerhaft, wiederholbar und wirtschaftlich zu betreiben.
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