Der Preissprung fällt zudem in ein bereits freundliches regionales Kaufumfeld. ADNOC verkaufte bei seiner jüngsten Ausschreibung mindestens 12 Millionen Barrel Spot-Rohöl an asiatische Raffinerien und Handelshäuser – zu Aufschlägen, wie Handelsteilnehmer gegenüber Reuters berichteten.
Der höhere Murban-Aufschlag ist daher vor allem ein Signal für Knappheit im kurzfristigen physischen Markt. Er bedeutet nicht, dass das globale Ölangebot im selben Verhältnis um 5 Prozent gesunken wäre.
Die aktuelle, angeblich wartungsbedingte Reduzierung wirkt deutlich begrenzter als der Einschnitt bei den Murban-Ladungen im Juli 2025. Damals berichteten Handelsteilnehmer von Kürzungen bei mehreren für Juli vorgesehenen Ladungen. Die einzelnen Reduzierungen sollen zwischen 5 und knapp 40 Prozent gelegen haben; insgesamt war von mehr als 3 Millionen Barrel die Rede. Vertragliche Abnehmer waren demnach nicht betroffen.
Ein Großteil der Lieferungen an ADNOCs Beteiligungspartner wurde anschließend für Juli wiederhergestellt. Zugleich erklärte das Unternehmen, seine Vertragspartner weiterhin wie vereinbart zu beliefern. Der Vorgang von 2025 erscheint damit eher als schwankende, auf bestimmte Zuteilungen begrenzte Unterbrechung – nicht als dauerhafte Exportpolitik.
Auch die niedrigeren Exportverfügbarkeiten für Ende 2025 und Anfang 2026 sind nicht ohne Weiteres mit der aktuellen Spotmarkt-Maßnahme vergleichbar. In einer ADNOC-Prognose vom November 2025 wurde die Exportverfügbarkeit von Murban für Dezember mit rund 1,58 Millionen Barrel pro Tag angegeben. Für Februar und März 2026 sollte sie schrittweise auf etwa 1,59 Millionen Barrel pro Tag steigen. Frühere Prognosen führten einen Teil der Rückgänge auf die geplante Verarbeitung größerer Murban-Mengen in der eigenen Raffinerie zurück.
Drei Mechanismen sollten deshalb auseinandergehalten werden:
Kurzfristig ist die Nachricht positiv für die Aufschläge mittelschwerer und leichter Rohölsorten aus dem Nahen Osten – insbesondere für Qualitäten, die Käufer als Ersatz für Murban betrachten. Eine entscheidende Veränderung des weltweiten Ölangebots stellt sie allein jedoch nicht dar, weil die Reduzierung auf einen Teil der ADNOC-Spotverkäufe konzentriert ist.
Entscheidend ist die Dauer. Kehren die Spotangebote nach Abschluss der Wartung im Oktober zum Normalniveau zurück, könnte der Murban-Aufschlag wieder sinken. Bleibt das Angebot dagegen knapp und konkurrieren asiatische Käufer weiter um kurzfristig verfügbare Ladungen, könnte sich der Preisdruck auf vergleichbare Golfqualitäten ausweiten.
Dass Entscheidungen über die Aufteilung zwischen Exporten, Beteiligungspartnern und der eigenen Raffinerie die regionalen Preise beeinflussen können, ist nicht neu. Eine frühere Umleitung von Rohöl zur Raffinerie von ADNOC hatte beispielsweise die Verfügbarkeit der anderen Abu-Dhabi-Sorte Upper Zakum in Asien verknappt und die Preisbildung im Nahen Osten beeinflusst.
Raffinerien, die auf Spotladungen von Murban angewiesen sind, müssen für Lieferungen im September und Oktober voraussichtlich mehr bezahlen. Sie können auf andere Rohölsorten ausweichen, doch ein Wechsel ist nicht reibungslos: Rohölqualität, Anlagenkonfiguration, Frachtkosten und verfügbare Verladekapazitäten bestimmen, ob eine alternative Ladung wirtschaftlich tatsächlich gleichwertig ist.
Bleibt Murban im vierten Quartal mit einem hohen Aufschlag gehandelt, verteuert sich der Rohölmix der betroffenen Raffinerien. Ihre Margen geraten unter Druck, sofern die Preise für Benzin, Diesel und andere Raffinerieprodukte den höheren Rohöleinsatz nicht ausgleichen.
Möglicherweise ziehen Käufer ihre Beschaffung vor oder zahlen ebenfalls mehr für geeignete Qualitäten aus dem Golf, dem Atlantikbecken oder anderen Regionen. Dadurch könnte sich ein Teil des Murban-Aufschlags auf den breiteren asiatischen Markt übertragen.
Die Auswirkungen werden allerdings unterschiedlich ausfallen. Besonders nahe Ersatzqualitäten dürften zusätzliches Kaufinteresse anziehen. Schwerere oder deutlich anders zusammengesetzte Sorten profitieren weniger, wenn Raffinerien gezielt die Eigenschaften von Murban benötigen und nicht nur zusätzliches Volumen suchen.
Die Angebotsverknappung fällt mit einer wichtigen Änderung bei den offiziellen Verkaufspreisen von ADNOC zusammen. Ab dem 1. November 2026 will das Unternehmen für seine Rohölsorten von der bisherigen Methode auf eine Preisbildung anhand des Prompt-Month-Platts-Dubai-Benchmarks plus eines von ADNOC festgelegten Auf- oder Abschlags umstellen.
Derzeit basiert die Preisermittlung auf dem Murban-Futures-Kontrakt an der ICE Futures Abu Dhabi und liegt zwei Monate vor dem Verladetermin. Die neue Methode soll die offiziellen Verkaufspreise stärker an den Monat koppeln, in dem die Ladung tatsächlich verladen wird.
Das hat zwei wesentliche Folgen:
Die neue Formel bedeutet nicht automatisch, dass Murban dauerhaft mit einem höheren Aufschlag gehandelt wird. Sie verändert den Referenzmechanismus; der tatsächliche Preisaufschlag hängt weiterhin von Angebot, Nachfrage und der Anpassung durch ADNOC ab.
Die selektive Reduzierung des Spotangebots, die hohen Preise bei jüngsten Ausschreibungen und der Wechsel zu einer kurzfristigeren Preisreferenz deuten zusammen auf eine stärker marktgesteuerte Vermarktungsstrategie hin. Das ist eine Einordnung und kein ausdrücklich genanntes Ziel von ADNOC. Das Muster spricht jedoch dafür, dass das Unternehmen den Wert und den Zeitpunkt seiner nach Asien verkauften Ladungen stärker steuern will – und nicht nur möglichst große Mengen nach einer starren Preisformel vermarktet.
Asien ist für Rohöl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten der zentrale Absatzraum. Nach von Reuters zitierten Kpler-Daten stieg der Anteil der VAE an den Rohöllieferungen des Nahen Ostens nach Asien im Juni auf 32 Prozent und lag im Juli bei 27 Prozent. Im Vorjahreszeitraum waren es 20 Prozent.
Damit wird der asiatische Spotmarkt für ADNOCs Preissetzungsmacht und Exportstrategie immer wichtiger. Die entscheidende Frage für die kommenden Monate lautet, ob die Murban-Knappheit eine kurze, wartungsbedingte Störung bleibt oder in eine länger anhaltende, bewusst gesteuerte Angebotsverknappung übergeht. Für Raffinerien entscheidet sich daran, ob der aktuelle Aufschlag nur ein vorübergehendes Beschaffungsproblem oder ein spürbarer Inflationstreiber für die Rohölkosten im vierten Quartal wird.