Die zunehmenden Spannungen im Nahen Osten sowie Risiken für den Schiffsverkehr rund um die Straße von Hormus haben die Unsicherheit an den Energiemärkten erhöht und eine geopolitische Prämie bei Edelmetallen unterstützt. Gleichzeitig können neue Spannungen über höhere Energiepreise die Inflationserwartungen anheizen und damit eine restriktivere Reaktion der Fed wahrscheinlicher machen. Für Silber entsteht dadurch ein gegenläufiger Effekt: Geopolitische Risiken können die Nachfrage nach defensiven Anlagen stärken, höhere Inflation und Zinsen aber zum Gegenwind werden.
Anders als Gold ist Silber zudem nicht ausschließlich ein Krisenmetall. Ein großer Teil der Nachfrage stammt aus industriellen Anwendungen. Sollte geopolitischer Stress die Konjunktur belasten, könnte Silber daher weniger zuverlässig profitieren als Gold.
Die Rally im Januar hatte Silber erstmals über die psychologisch wichtige Marke von 100 US-Dollar geführt. Danach folgte eine scharfe Korrektur. Die anschließende Stabilisierung schuf Raum für Schnäppchenkäufe, neues spekulatives Interesse und eine Neubewertung der langfristigen Angebots- und Nachfrageaussichten.
Auch die Positionierung an den Terminmärkten wurde konstruktiver: Das Netto-Long-Engagement in Silber-Futures stieg in der Woche bis zum 4. August um 32 Prozent. Mit rund 11.000 Kontrakten blieb die Gesamtposition jedoch vergleichsweise niedrig. Das spricht dafür, dass die August-Bewegung von neuen Käufen getragen wurde, ohne dass sich bereits eine extreme Überpositionierung gebildet hat.
Der Silver Institute erwartet für 2026 das sechste jährliche Marktdefizit in Folge. Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage soll 67 Millionen Unzen betragen, obwohl das Gesamtangebot voraussichtlich um 1,5 Prozent steigt. Um den Markt auszugleichen, dürfte erneut auf oberirdische Lagerbestände zurückgegriffen werden.
Ein anhaltendes Defizit ist langfristig ein konstruktives Signal: Es zeigt, dass Minenproduktion, Recycling und andere Bezugsquellen die Gesamtnachfrage voraussichtlich nicht vollständig decken. Für den Preis im nächsten Monat ist ein Defizit jedoch kein Automatismus. Silber kann auch in einem Defizitjahr fallen, wenn Anlagezuflüsse nachlassen, die industrielle Aktivität schwächer ausfällt oder der Dollar zulegt.
Besonders wichtig ist die Zusammensetzung der Nachfrage. Die physische Investmentnachfrage soll 2026 um 20 Prozent auf 227 Millionen Unzen steigen und damit Schwächen in anderen Bereichen ausgleichen. Die Minenproduktion konzentriert sich außerdem auf wichtige Förderländer wie Mexiko, Peru und China. Dadurch bleibt der Markt anfällig für Störungen in einer vergleichsweise kleinen Zahl von Förderregionen.
KI-Rechenzentren, Halbleiter, Elektrifizierung, Strominfrastruktur und automobile Technologien liefern eine plausible langfristige Nachfrage-Story für Silber. Diese Anwendungen können den industriellen Verbrauch stützen, wenn Rechenleistung und Stromnetze weiter ausgebaut werden.
Die kurzfristigen Daten mahnen jedoch zur Vorsicht. Für 2026 wird bei der industriellen Verarbeitung ein Rückgang um 2 Prozent auf rund 650 Millionen Unzen erwartet – der niedrigste Wert seit vier Jahren. Ein wichtiger Grund ist, dass in der Photovoltaik weniger Silber eingesetzt wird und teilweise Ersatzmaterialien zum Einsatz kommen. Diese Entwicklung überlagert einen Teil des Wachstums durch Rechenzentren, KI-Anwendungen und den Automobilsektor.
KI ist damit derzeit vor allem ein strukturell bullishes Langzeitthema. Es gibt nach den vorliegenden Daten keinen unabhängig bestätigten Beleg dafür, dass die gesamte industrielle Silbernachfrage 2026 bereits beschleunigt. Die unmittelbarere Unterstützung für den Preis dürfte deshalb eher von Investmentnachfrage und makroökonomischen Bedingungen kommen als allein vom KI-Verbrauch.
Am 17. August lag der Spotpreis von XAG/USD bei rund 66,40 US-Dollar je Feinunze und testete damit einen wichtigen technischen Widerstand. Anfang August bewegte sich der Spotpreis zunächst in der Mitte der 60er-Dollar-Spanne und stieß bei etwa 66,60 bis 67 US-Dollar auf Widerstand.
In Indien wurde Silber an der Multi Commodity Exchange (MCX) am 5. August mit rund 154.200 indischen Rupien je Kilogramm gehandelt. Für die damalige Sitzung wurden 152.500 Rupien als Unterstützung und 157.500 Rupien als Widerstand genannt. Lokale Preise können vom internationalen Spotpreis abweichen – unter anderem wegen Wechselkursen, Steuern, lokaler Aufschläge und unterschiedlicher Kontraktspezifikationen.
Die verfügbaren Belege sprechen insgesamt für ein reges Anlageinteresse und einen weltweit angespannten Markt. Sie erlauben jedoch keine präzise Aussage über einen aktuellen, spezifischen Spotpreistrend in China oder Europa. Das ist relevant, weil regionale Aufschläge und die physische Verfügbarkeit vom maßgeblichen XAG/USD-Preis abweichen können.
Die am Markt zitierten Vorhersagen liegen ungewöhnlich weit auseinander. Zudem unterscheiden sie sich hinsichtlich Zeitpunkt und Methodik.
Die große Spanne zwischen den Schätzungen ist selbst ein Signal für die hohe Unsicherheit. Ein Anstieg auf 100 US-Dollar oder mehr würde wahrscheinlich zusätzliche Faktoren erfordern: stärkere physische und finanzielle Zuflüsse, dauerhaft niedrigere Renditen und einen schwächeren Dollar oder einen neuen Angebots- beziehungsweise geopolitischen Schock.
Die August-Erholung nähert sich mehreren wichtigen Widerstands- und Unterstützungszonen:
Technische Marken sind Szenarien und keine Garantien. Wegen der hohen Volatilität bei Silber sind kurzfristige Ausschläge über Widerstände oder unter Unterstützungen weniger aussagekräftig als nachhaltige Schlusskurse und eine anschließende Bestätigung.
Ob die nächste Aufwärtsbewegung gelingt, hängt davon ab, ob mehrere Kräfte zusammenwirken:
Ja – aber die vorliegenden Daten sprechen derzeit dafür, 100 US-Dollar und insbesondere dreistellige Preise als bullishes Rand- oder Extremszenario und nicht als Basisszenario zu betrachten. Die wichtigste technische Bestätigung wäre ein nachhaltiger Ausbruch über 72 US-Dollar. Hinzukommen müssten stärkere Investmentzuflüsse sowie ein unterstützendes Umfeld aus Fed-Politik und US-Dollar.
Die Erholung hat eine glaubwürdige Grundlage: das erwartete sechste Defizitjahr in Folge, steigende physische Investmentnachfrage, geopolitische Unsicherheit und weniger restriktive Zinserwartungen. Gleichzeitig muss Silber noch beweisen, dass es die Widerstände überwinden kann, während die industrielle Nachfrage für 2026 rückläufig prognostiziert wird.
Die vorsichtigste Schlussfolgerung lautet daher: Silber erholt sich in einem strukturell angespannten, aber sehr volatilen Markt. Ein bestätigter Anlauf auf 100 US-Dollar ist es erst, wenn die Marke von 72 US-Dollar nachhaltig fällt – nach oben, nicht nur intraday.