Der Markt reagiert damit auf zwei Risiken gleichzeitig: kurzfristig stehen weniger Gasmengen zur Verfügung, und unklar ist, wie schnell die LNG-Lieferungen aus der Golfregion zurückkehren können. Selbst eine politische Einigung würde die Versorgung nicht automatisch sofort normalisieren. Tankerbetreiber warnen, dass die Durchfahrt Wochen brauchen könnte, um sich wieder einzupendeln.
Europa startete mit ungewöhnlich niedrigen Beständen in die Sommermonate, in denen die Speicher für die Heizsaison gefüllt werden. Anfang August waren die EU-Speicher laut Reuters zu etwa 57 Prozent gefüllt – ein Rekordtief für diesen Zeitpunkt und deutlich weniger als im Fünfjahresmittel. Andere Daten bezifferten den Füllstand Mitte August auf rund 60,8 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es 73,6 Prozent.
Das Defizit ist entscheidend, weil Speicher als Puffer zwischen laufenden Importen und dem höheren Winterverbrauch dienen. Sind sie vor Beginn der Heizsaison nicht ausreichend gefüllt, muss Europa auch im Winter Gas einkaufen – dann unter Umständen bei stärkerer Konkurrenz und höheren Preisen.
Der Vorstandschef des norwegischen Energiekonzerns Equinor hält es für unwahrscheinlich, dass Europa sein Ziel eines Speicherfüllstands von 80 Prozent vor dem Winter erreicht. Deutschland ist noch stärker exponiert: Die deutschen Kavernen waren am 9. August zu 48 Prozent gefüllt, verglichen mit 64 Prozent ein Jahr zuvor und weniger als der EU-Durchschnitt. Nach Einschätzung von Uniper müssten die Preise fallen, damit deutsche Anlagen bis November überhaupt 70 Prozent erreichen können.
Auch die Marktlogik erschwert ein schnelles Auffüllen. Sorgen über die kurzfristige Verfügbarkeit haben die Sommerpreise wiederholt über die Preise für Lieferungen im Winter steigen lassen. Dadurch sinkt der Anreiz, Gas jetzt einzuspeichern und bis zu den kälteren Monaten zu halten.
Frühere Schätzungen gingen davon aus, dass Europa im Jahresvergleich rund 180 zusätzliche LNG-Ladungen benötigen würde, um seine Reserven wieder aufzubauen. Die Hormus-Blockade macht diese Aufgabe schwieriger: Der Pool verfügbarer Ladungen schrumpft, während asiatische Käufer stärker um die gleichen Mengen konkurrieren.
Die US-LNG-Exporte zeigen diese Verschiebung deutlich. Europas Anteil an den US-Ausfuhren sank im Juni auf knapp 42 Prozent. Damit ging erstmals seit fast zwei Jahren weniger als die Hälfte der amerikanischen Ladungen nach Europa. Höhere Preise in Asien und Rekordimporte Ägyptens lenkten Lieferungen zu anderen Abnehmern um.
Das bedeutet nicht, dass US-LNG Europa nicht mehr erreicht. Die Lieferströme richten sich jedoch zunehmend nach den erzielbaren Preisen: Ladungen können nach Asien oder zu anderen Käufern umgeleitet werden, wenn dort höhere Erlöse winken. Weil Europa seine Abhängigkeit von russischem Pipelinegas reduziert hat und stärker auf global gehandeltes LNG angewiesen ist, reagiert der Kontinent besonders empfindlich auf diesen Wettbewerb.
Europa verfügt über mehrere Schutzfaktoren. Norwegen ist weiterhin ein wichtiger Pipeline-Lieferant, der Gasverbrauch liegt unter früheren Höchstständen, und Wind- sowie Solarstrom senken den Gasbedarf im Kraftwerkssektor. Nach einer Reuters-Analyse dürfte die gemeinsame Stromerzeugung aus Wind- und Solaranlagen in Europa 2026 so lange wie nie zuvor die Erzeugung aus Gaskraftwerken übertreffen.
Das macht eine sofortige Rationierung weniger wahrscheinlich. Es ersetzt aber nicht das Gas, das Europa bislang nicht eingespeichert hat. Haushalte und Industrie bleiben außerdem einem globalen Markt ausgesetzt, in dem mehrere Käufer um weniger LNG-Ladungen konkurrieren.
Die belastbarste Schlussfolgerung ist deshalb nicht, dass Europa zwangsläufig das Gas ausgeht. Wahrscheinlicher ist zunächst ein teurerer, volatilerer Markt mit weniger Spielraum für Fehler. Eine lang anhaltende Unterbrechung der LNG-Lieferungen, ein weiterer größerer Ausfall oder eine längere Kälteperiode könnte aus einer beherrschbaren Anspannung jedoch schnell akuten Preisdruck machen.
Der Gasmarkt ist nicht vom Wettergeschehen losgelöst. Extreme Hitze erhöht den Strombedarf für Kühlung. Dürre kann gleichzeitig Wasserkraft, den Transport auf Flüssen sowie thermische und nukleare Kraftwerke beeinträchtigen, die Kühlwasser benötigen.
Rumänien lieferte dafür ein aktuelles Beispiel. Rekordniedrige Pegelstände der Donau veranlassten den staatlichen Betreiber, den einzigen noch laufenden Reaktor des Landes vom Netz zu nehmen. Rumänien rief für August einen Energie-Notstand aus und bat Haushalte und Unternehmen, ihren Verbrauch freiwillig zu reduzieren.
Solche Ereignisse können die Abhängigkeit von Gaskraftwerken genau dann erhöhen, wenn LNG knapp und teuer ist. Ein heißer Sommer erschwert damit über eine höhere Stromnachfrage auch die Vorbereitung auf den Winter. Eine Dürre kann zudem alternative Stromquellen zeitweise aus dem Betrieb nehmen.
Vier Faktoren werden den weiteren Verlauf maßgeblich bestimmen:
Die klarste Bilanz lautet daher: Die Hormus-Blockade hat bislang nicht bewiesen, dass Europa im Winter ohne Gas dastehen wird. Sie macht die Versorgungssicherheit aber teurer und stärker von günstigen Bedingungen abhängig. Europas unmittelbares Problem ist die Kombination aus hohen Preisen, einer verzögerten Speicherbefüllung und geringerer Flexibilität, falls die nächste Störung eintritt, bevor die aktuelle gelöst ist.