Lo, ein 1961 geborener langjähriger Direktor der senegalesischen Zentralbankfiliale, tritt ein Erbe an, das politisch vergiftet und fiskalisch desaströs ist. Er ist ein Technokrat ohne Kabinett, ohne parlamentarische Hausmacht und mit einem ungelösten IWF-Programm im Gepäck. Sein erster Gang wird ein Spießrutenlauf: Er muss eine Regierung bilden und diese von einem Parlament billigen lassen, dessen neuer Präsident sein entlassener Vorgänger Ousmane Sonko ist .
Die Allianz zwischen dem Staatspräsidenten und seinem Premierminister galt 2024 noch als Blaupause für einen neuen afrikanischen Politikstil: der junge, eher stille Spitzenbeamte Faye und der wortgewaltige Volkstribun Sonko als undurchdringliches Duo. Doch genau diese Rollenverteilung wurde zur Hypothek. Während Faye nach der Machtübernahme realpolitisch auf die Wiederbelebung der Gespräche mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) drängte, um einen Staatsbankrott abzuwenden, stellte sich Sonko quer .
Der Bruch war kein leiser Prozess. Sonko hatte öffentlich damit gedroht, seine Partei PASTEF in die Opposition zu führen, sollte die Regierung vom harten Kurs abweichen und eine Umschuldung oder gar Sparauflagen des IWF akzeptieren. Für Faye war diese Drohung vor dem Hintergrund einer selbst in Auftrag gegebenen Prüfung, die 13 Milliarden Dollar zuvor nicht ausgewiesener Staatsschulden ans Licht brachte, schlicht existenzbedrohend . Der IWF froren sein laufendes 1,8-Milliarden-Dollar-Programm umgehend ein, was die Refinanzierung des Haushalts praktisch unmöglich machte .
Am 22. Mai 2026 zog Faye per Dekret die Reißleine. Er entließ Sonko und löste damit die gesamte Regierung auf. Offiziell war von der Notwendigkeit die Rede, das Land aus der „erdrückenden Schuldenlast“ zu führen – eine unverblümte Kritik am wirtschaftspolitischen Kurs des Ex-Premiers .
Mit Ahmadou Al Aminou Lo entschied sich Faye für das genaue Gegenteil Sonkos. Lo ist kein Parteisoldat, sondern ein Zentralbanker alter Schule – diskret, berechnend und international vernetzt. Seit April 2024 als Minister-Generalsekretär im Präsidialamt tätig, kennt er die Abgründe der Staatsfinanzen aus erster Hand .
Die Botschaft seiner Ernennung war zweigleisig. Im senegalesischen Staatsfernsehen wurde seine Expertise in „den inneren Mechanismen der Wirtschaft und der Finanzen“ hervorgehoben . An die Adresse der internationalen Finanzwelt gerichtet, signalisiert die Wahl: Senegal ist bereit für fiskalische Disziplin und schmerzhafte Reformen, selbst wenn der Preis dafür der Bruch mit dem populistischen Mandat ist, das die Regierung einst an die Macht brachte .
Was als Triumph der fiskalischen Vernunft geplant war, geriet innerhalb von 48 Stunden zu einem politischen Albtraum für Faye. Parlamentspräsident El Malick Ndiaye, ein enger Verbündeter Sonkos, trat am 24. Mai zurück und machte damit den Weg für die Rückkehr des geschassten Premiers in die Legislative frei . Am 26. Mai wurde Sonko von den Abgeordneten nicht nur wieder als Parlamentarier eingesetzt, sondern mit 132 Stimmen direkt zum neuen Präsidenten der Nationalversammlung gewählt .
In Senegal folgt der Parlamentspräsident protokollarisch direkt dem Staatspräsidenten. Sonko kontrolliert nun die Kammer, die jedes Gesetzesvorhaben, den Staatshaushalt und vor allem die obligatorische Zustimmung zum neuen Kabinett blockieren kann. Es ist eine Situation, die Staatstheoretiker als „Kohabitation“ beschreiben würden, nur dass die verfeindeten Lager hier aus derselben politischen Bewegung stammen. Die Exekutive und Legislative Senegals stehen sich nun wie feindliche Armeen gegenüber.
Hinter dem politischen Drama lauert eine wirtschaftliche Katastrophe. Die Staatsverschuldung Senegals beläuft sich nach IWF-Schätzungen auf rund 42 Milliarden Dollar, was 132 % der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes entspricht. Dies ist eine drastische Aufwärtskorrektur der vorherigen, geschönten Zahlen, direkt verursacht durch den eigenen Prüfbericht . Die Kosten allein für den Schuldendienst werden im Jahr 2026 auf 5,5 Billionen CFA-Francs (etwa 9,1 Milliarden Dollar) geschätzt – eine Summe, die einen gefährlich hohen Anteil des Steueraufkommens verschlingt . Unter Ökonomen herrscht weitgehend Konsens, dass eine Umschuldung, etwa über den G20 Common Framework, unausweichlich geworden ist .
Das auf Eis liegende IWF-Programm von 1,8 Milliarden Dollar ist nicht nur ein ausbleibender Scheck. Es fungiert als eine Art Türöffner: Ohne eine Einigung mit dem IWF sind weitere Budgethilfen der Weltbank, der Afrikanischen Entwicklungsbank und bilateraler Partner blockiert. Dem Staat droht akute Zahlungsunfähigkeit . Präsident Faye hatte die Verhandlungen mit dem IWF bereits Mitte Mai 2026 persönlich an sich gezogen, doch so lange Sonko das Kabinett führte und jede Konzession ablehnte, fehlte eine kohärente Verhandlungsposition . Mit Lo könnte die Blockade gelöst werden – vorausgesetzt, das Parlament lässt ihn regieren.
Jede Einigung mit dem IWF würde drastische Sparmaßnahmen verlangen. Mögliche Entlassungen im öffentlichen Dienst und Subventionskürzungen sind hochgradig unpopulär. Bereits im April 2026 gingen Gewerkschaften in Dakar auf die Straße und protestierten gegen steigende Lebenshaltungskosten und erste Entlassungen in der Krise . Sonko, der Populist, hätte durch sein Charisma vielleicht die Möglichkeit gehabt, solche Maßnahmen zu verkaufen oder zumindest zu verteidigen. Lo hingegen wird in der öffentlichen Wahrnehmung genau das sein, was er ist: ein Abgesandter der Banker und internationalen Finanzinstitutionen. Seiner Politik droht Widerstand von der Straße und aus dem Parlament zugleich.
Los erste Amtshandlung birgt höchstes Risiko: die Bildung eines Kabinetts und dessen Vorstellung vor der Nationalversammlung zur zwingend notwendigen Ratifizierungsabstimmung. Dieser Vorgang ist der Lackmustest für die neue Regierung. Lehnt die von Sonko geführte Mehrheit das Kabinett ab, wäre dies eine politische Blockade vom ersten Tag an. Faye bliebe dann kaum eine andere Wahl, als in Verhandlungen mit seinem Erzrivalen zu treten – oder Neuwahlen auszurufen.
Die Kalkulation des Präsidenten liegt offen auf dem Tisch. Er wettet darauf, dass der einzige Weg zur Vermeidung eines nationalen Zahlungsausfalls über den IWF führt und dass Sonkos populistische Verweigerungshaltung das Land direkt an den wirtschaftlichen Abgrund manövriert hätte. Die entscheidende Frage ist nun, ob Sonko von seinem neuen Posten als zweiter Mann im Staat aus diesen Weg freigibt – oder ob er seine Machtfülle nutzt, um ihn zu blockieren und eine tiefgreifende Verfassungskrise zu provozieren.