Diese Entscheidung ist mehr als eine Marketingfrage. Die Zielgruppe beeinflusst bei einer Dating-App, wem Nutzer angezeigt werden, welche Präferenzen abgefragt werden, wie Sichtbarkeit funktioniert, welche Sicherheitsrisiken besonders relevant sind und wie genügend lokale Aktivität für tatsächliche Matches entsteht.
Taimi experimentierte zunächst mit einem breiteren LGBTQI+-Sozialnetzwerk, das soziale Interaktion und Partnersuche verbinden sollte. Nach Berichten zur Unternehmensstrategie kam appflame schließlich zu dem Schluss, dass dieser Ansatz keinen ausreichend klaren Zweck für die Nutzer hatte. Taimi wurde deshalb wieder stärker auf die zentrale Dating-Funktion ausgerichtet.
Das bedeutete nicht, Taimi auf eine einzelne Identität oder ein bestimmtes Beziehungsmodell zu verengen. Die App behielt ihren inklusiven Ansatz für sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität und Beziehungspräferenzen bei – Dating wurde jedoch zur klaren Hauptaufgabe des Produkts. Taimi beschreibt dies als ein fluides, selbstbestimmtes Umfeld, das nicht an einem konventionellen heterosexuellen Dating-Modell ausgerichtet ist.
Das ist eine wichtige Produktunterscheidung: Inklusion besteht nicht nur darin, einer bestehenden Oberfläche weitere Begriffe hinzuzufügen. Die Nutzer müssen auch ausdrücken können, wie sie sich selbst beschreiben, wen sie kennenlernen möchten, welche Art von Beziehung sie suchen, wo sie sich befinden und für wen sie sichtbar sein wollen.
Bei jeder Dating-App braucht ein Match mehr als einen Empfehlungsalgorithmus. Die Präferenzen, Identitätseinstellungen, Aufenthaltsorte, Zeitpunkte und gegenseitige Sichtbarkeit zweier Menschen müssen zusammenpassen. Taimi erklärt, dass sein Matching Identität und Interessen berücksichtigt und Nutzer über das gesamte LGBTQI+-Spektrum hinweg unterstützen soll.
Die Herausforderung besteht deshalb nicht einfach darin, einen binären Geschlechter-Schalter durch eine längere Liste von Optionen zu ersetzen. Die App muss den Nutzern sinnvolle Kontrolle geben, ohne die Registrierung unnötig kompliziert zu machen oder Informationen preiszugeben, die sie nicht teilen möchten.
Hinzu kommt die Frage der Aktivität in einzelnen Communities und Regionen. Auch technisch passende Empfehlungen führen zu einer schlechten Erfahrung, wenn in der Nähe zu wenige geeignete Menschen aktiv sind. Für Dating-Apps zählen daher nicht nur Registrierungen. Entscheidend sind wiederkehrende, hochwertige Interaktionen, die den Marktplatz tatsächlich nützlich machen.
Bei Taimi sind Datenschutz- und Sicherheitsfunktionen Teil des Produktversprechens. Die App wirbt unter anderem mit Verifizierung, Moderation und diskreten Sichtbarkeitseinstellungen. Im sogenannten Stealth Mode können Nutzer laut Taimi inkognito stöbern und ihr Profil nur Personen zeigen, die sie selbst mit „Gefällt mir“ markiert haben.
Damit versucht die App, einen grundlegenden Zielkonflikt beim Online-Dating zu lösen: Nutzer benötigen ausreichend Informationen, um über eine Verbindung zu entscheiden, müssen aber zugleich kontrollieren können, wer sie findet und welche persönlichen Angaben sichtbar sind. Untersuchungen zu standortbasierten Dating-Apps empfehlen ebenfalls mehr Nutzerkontrolle, eine sparsamere Datenerhebung und eine bessere Absicherung von Programmierschnittstellen.
Die geschäftliche Konsequenz ist naheliegend. Sicherheit ist keine reine Compliance-Schicht, die nach dem Wachstum ergänzt wird. Wenn Nutzer Belästigung, Identitätsbetrug, Betrugsversuche oder unerwünschte Sichtbarkeit erleben, können sie die App verlassen. Eine sinkende Aktivität verringert wiederum die Zahl realistischer Matches – und macht den Dienst auch für andere Nutzer weniger attraktiv.
Für Hily und Taimi zusammen werden ungefähr 350.000 täglich aktive Nutzer genannt. Als Schwelle für die Vorbereitung auf einen möglichen Börsengang peilt appflame demnach zwei Millionen täglich aktive Nutzer an – fast eine Versechsfachung.
Taimi selbst nennt außerdem mehr als 38 Millionen Nutzer insgesamt sowie 1,5 Millionen monatlich aktive Nutzer. Diese Kennzahlen sind nicht direkt mit den kombinierten täglichen Nutzern vergleichbar, zeigen aber die Größenordnung, die das Unternehmen für sein Produkt angibt.
Die Zahlen sollten vorsichtig eingeordnet werden. Angaben zu Profitabilität, Nutzerbasis, Sicherheitsleistung und Börsenreife stammen in erheblichem Umfang aus Unternehmensmaterialien oder aus Branchenberichten, die sich auf Unternehmensangaben stützen. Die vorliegenden Belege rechtfertigen daher die Formulierung „nach Unternehmensangaben“, nicht die Schlussfolgerung einer unabhängig geprüften Bilanz.
Taimi nutzt seine Nutzerbasis auch für eigene Untersuchungen. An einer in den USA durchgeführten Umfrage nahmen 928 aktive App-Nutzer im Alter von 18 bis 45 Jahren teil, darunter Männer, Frauen, nichtbinäre Personen sowie trans Männer und trans Frauen. Die Befragung lief vom 29. Juli bis zum 26. August 2024.
Solche Untersuchungen können Hinweise darauf geben, was die eigene Zielgruppe von Dating erwartet und an welchen Stellen Nutzer Schwierigkeiten erleben. Sie können zudem Perspektiven sichtbar machen, die in allgemeineren Studien zur Dating-Branche weniger stark vertreten sind.
Die Stichprobe ist allerdings nicht repräsentativ für alle LGBTQI+-Personen. Es handelte sich um eine freiwillige In-App-Stichprobe aktiver Nutzer. Die Ergebnisse beschreiben daher diese Teilnehmergruppe – nicht die LGBTQI+-Bevölkerung insgesamt.
Die Ambitionen von appflame reichen über die beiden Dating-Apps hinaus. 2024 startete das Unternehmen Ignite, eine interne Venture-Initiative, die Mitarbeitern einen Weg zur Gründung eigener Unternehmen eröffnen soll. Berichte nennen außerdem Beteiligungen oder Unterstützung für Unternehmen wie Every Health.
Das Modell soll Fähigkeiten aus einem erfolgreichen Produktunternehmen – etwa Produktmanagement, Wachstum, operative Abläufe und Kapitalverteilung – für neue Geschäftsideen nutzbar machen. Damit könnte sich appflame langfristig breiter aufstellen. Jede neue Gründung muss jedoch weiterhin zeigen, dass sie ein echtes Problem löst und einen eigenen nachhaltigen Zugang zu Kunden entwickeln kann.
Über seine Foundation berichtet appflame von Unterstützung für die Ausbildung militärischer Führungskräfte, humanitäre Hilfe, mobilisierte Mitarbeiter und deren Familien sowie Bildungs- und Infrastrukturprojekte im Bereich Prothetik in der Ukraine.
Zu den Prothetik-Projekten gehört die Unterstützung der ADDEX-Initiative. Sie verbindet additive Fertigung, die Ausbildung von Fachkräften und den Aufbau lokaler Produktionskapazitäten. Im Dezember 2025 wurde mit Unterstützung der appflame-Gründer und der Genesis for Ukraine Charity Foundation ein Labor für Prothetik, medizinische Rehabilitation und Ergotherapie an der Nationalen Technischen Universität der Ukraine „Igor Sikorsky Kyiv Polytechnic Institute“ eröffnet.
Diese Aktivitäten gehören nicht zum operativen Geschäftsmodell der Dating-Apps. Sie sind jedoch Teil des breiteren Profils von appflame als ukrainisches Produktunternehmen, das Ressourcen in Bildung, Veteranen-Integration und humanitäre Unterstützung lenkt.
Künstliche Intelligenz kann die Entwicklung bestimmter Dating-Funktionen günstiger machen – etwa bei Profilvorschlägen, Empfehlungssystemen, Moderationsabläufen oder Marketinginhalten. Das schwierigste Problem nimmt sie jedoch nicht weg: Eine neue Dating-App braucht genügend kompatible und vertrauenswürdige Menschen am selben Ort und zur selben Zeit.
Dieses sogenannte Cold-Start-Problem entscheidet oft über den Erfolg. Frühe Nutzer bewerten eine Dating-App nicht danach, wie schnell das Unternehmen die Oberfläche programmiert hat, sondern nach Qualität und Verfügbarkeit potenzieller Matches. Ist die lokale Auswahl zu klein oder unausgewogen, springen Nutzer ab. Dadurch wird das Angebot noch dünner, was weitere Abwanderung auslösen kann.
Die Strategie mit zwei Produkten löst nur einen Teil dieser Herausforderung. Eine klare Positionierung kann die Gewinnung passender Nutzer und die Relevanz der Empfehlungen verbessern. Inklusive Einstellungen und Sicherheitsfunktionen können Vertrauen stärken. Für das Ziel von zwei Millionen täglich aktiven Nutzern muss appflame jedoch dauerhaft genügend Aktivität in verschiedenen Märkten aufbauen – nicht nur zusätzliche KI-Funktionen integrieren.
Aus dem bisher berichteten Vorgehen von appflame lassen sich mehrere Grundsätze ableiten:
Die belastbarste Lehre aus dem Beispiel lautet daher nicht, dass zwei Dating-Apps automatisch besser sind als eine. Ein Marktplatz lässt sich leichter aufbauen, wenn Nutzer sofort verstehen, wofür er gedacht ist – und wenn Identität, Sicherheit und Wachstum konsequent auf diesen Zweck ausgerichtet sind.