Diese zusätzliche Entschädigung wird häufig als Laufzeitprämie oder Term Premium bezeichnet. Sie umfasst unter anderem Risiken durch Inflation, hohe staatliche Kreditaufnahme, ein großes Anleiheangebot und Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Geldpolitik. Reuters beschrieb die frühere Bewegung der US-Zinskurve als Ausverkauf am langen Ende, der mit Inflations- und Glaubwürdigkeitsfragen zusammenhing.
Wie stark sich die Kurve verändert hat, zeigt der Abstand zwischen den Laufzeiten: Die Rendite der 30-jährigen US-Treasury lag 112,8 Basispunkte – also 1,128 Prozentpunkte – über der zweijährigen Rendite. Laut Marktberichten war das ein ungewöhnlich großer Abstand.
Japan muss US-Staatsanleihen nicht in großem Stil verkaufen, um die Renditen in den USA zu beeinflussen. Schon drei weniger drastische Veränderungen können relevant sein:
Das ist ein Kanal über die marginale Nachfrage. Er bedeutet weder, dass Japan sein gesamtes Treasury-Portfolio liquidiert, noch dass es einen koordinierten Käuferstreik gibt. Eine schrittweise Verringerung der Nachfrage kann jedoch ausreichen, wenn der Markt gleichzeitig große Mengen langfristiger US-Anleihen aufnehmen muss.
Der Renditesprung in Japan trifft auf mehrere Belastungen innerhalb der Vereinigten Staaten.
Das hohe US-Haushaltsdefizit erfordert umfangreiche Emissionen von US-Staatsanleihen. Je mehr langfristige Schulden auf den Markt kommen, desto attraktiver muss die Rendite sein, damit Anleger die zusätzliche Duration – also das Zinsänderungsrisiko langfristiger Anleihen – übernehmen. Marktberichte führten den jüngsten Ausverkauf unter anderem auf Sorgen über die Tragfähigkeit der US-Finanzen und das große Anleiheangebot zurück.
Auch Unternehmen aus dem Technologie- und KI-Sektor nehmen große Summen über den Anleihemarkt auf. Diese Emissionen konkurrieren teilweise um dasselbe langfristige Kapital wie US-Staatsanleihen. Der Anstieg der KI-bezogenen Unternehmensanleihen wurde als ein Faktor genannt, der die Renditen besonders lang laufender US-Treasuries nach oben treibt.
Das beweist nicht, dass die Technologieverschuldung den Treasury-Ausverkauf allein ausgelöst hat. Sie verschärft jedoch das grundlegende Problem: Anleger sollen immer mehr langfristige Verpflichtungen finanzieren – sowohl des Staates als auch privater Unternehmen – und verlangen dafür höhere Renditen.
Das lange Ende der Zinskurve kann unter Druck geraten, obwohl Anleger mit sinkenden kurzfristigen Zinsen rechnen. Das geschieht, wenn kurzfristig ein schwächeres Wachstum oder eine lockerere Geldpolitik erwartet wird, langfristige Inflations- und Fiskalrisiken aber ungelöst bleiben.
Bei der Debatte über den Vorsitzenden der Federal Reserve, Kevin Warsh, geht es deshalb vor allem um die Frage, ob Anleger ihm einen entschlossenen Kampf gegen die Inflation zutrauen. Reuters berichtete, Zweifel an seiner Bereitschaft zur Verteidigung des Inflationsziels von 2 % hätten zum Anstieg der langfristigen US-Renditen beigetragen.
Ein einzelner Notenbankchef legt die Rendite 30-jähriger Anleihen natürlich nicht direkt fest. Entscheidend ist vielmehr, ob Investoren glauben, dass künftige US-Notenbanken die Kaufkraft langfristiger Staatsschulden schützen werden. Zweifel daran erhöhen die Rendite, die Anleger für das Halten dieser Anleihen verlangen.
Die Erwartungen an eine Zinserhöhung der Bank of Japan im September sind deutlich gestiegen. Am 13. August lag die von den Märkten eingepreiste Wahrscheinlichkeit bei 76 %, verglichen mit 24 % am 30. Juli.
Eine Zinserhöhung könnte die globalen Märkte über mehrere Kanäle beeinflussen:
Die Reaktion der US-Treasuries ist dabei nicht zwangsläufig eindeutig. Ein anfänglicher Verkauf durch japanische Investoren könnte die US-Renditen nach oben treiben. Kommt es anschließend jedoch zu einer breiten Flucht aus Risikoanlagen, könnten die hohe Liquidität und die Rolle des US-Dollars als sicheren Hafen wieder Nachfrage nach US-Staatsanleihen erzeugen.
Japan und die USA haben kürzlich gemeinsam Yen gekauft, nachdem die japanische Währung auf ein 40-Jahres-Tief gefallen war. Japanische Regierungsvertreter deuteten zugleich an, dass weitere Maßnahmen möglich seien.
Eine Yen-Kaufintervention kann den Verkauf von Dollar-Anlagen oder den Einsatz von Dollarreserven beinhalten. Dadurch entsteht ein weiterer möglicher Druckfaktor für den Treasury-Markt. Seine Wirkung sollte jedoch nicht überschätzt werden: Eine Intervention führt nicht automatisch zu umfangreichen oder anhaltenden Verkäufen von US-Staatsanleihen. Ebenso belegen die verfügbaren Informationen keine feste Regel, wonach die Bank of Japan eingreifen müsste, sobald die Rendite 10-jähriger JGBs die Marke von 3 % überschreitet.
Das wichtigere Signal ist der politische Zielkonflikt. Japan will den Yen stützen und die Inflation eindämmen, muss aber gleichzeitig mit einem stark neu bewerteten Staatsanleihemarkt umgehen. Sollten die JGB-Renditen ungeordnet steigen, könnte die Bank of Japan unter Druck geraten, den Markt zu stabilisieren – selbst wenn Anleger eine weitere Normalisierung der Geldpolitik erwarten. Das würde die Schwankungen bei Yen, JGBs, Treasuries und Carry-Trades verstärken.
Die nächsten großen Treasury-Auktionen werden zeigen, ob die höheren Renditen genügend private Nachfrage anziehen. Schwache Gebote, ein deutlicher Abstand zwischen Auktionsrendite und der Rendite am Markt vor der Auktion oder eine geringe Nachfrage indirekter Käufer würden darauf hindeuten, dass Anleger für Laufzeit- und Fiskalrisiken mehr Entschädigung verlangen. Eine starke Auktion könnte dagegen zeigen, dass die höheren Renditen allmählich für ein neues Gleichgewicht sorgen. Das US-Finanzministerium veröffentlicht den Auktionskalender und Informationen zu den Emissionen.
Die Märkte werden darauf achten, ob die Bank of Japan die Erwartungen für eine Zinserhöhung im September bestätigt, einen schnelleren Straffungspfad signalisiert oder auf ungeordnete Bewegungen am JGB-Markt reagiert. Die Reaktion des Yen wird zeigen, ob Investoren die Normalisierung der japanischen Geldpolitik für glaubwürdig halten oder lediglich als unzureichende Antwort auf die Währungsschwäche betrachten. Berichten zufolge könnten Japan und die USA erneut intervenieren; ehemalige japanische Regierungsvertreter forderten zudem schnellere Zinserhöhungen.
Die Aussagen der US-Notenbank sind wichtig, weil langfristige Renditen nicht nur von der nächsten Zinsentscheidung abhängen. Maßgeblich sind auch die Inflationserwartungen und die Glaubwürdigkeit der Geldpolitik. Wenn Anleger glauben, dass die Federal Reserve eine Inflation oberhalb ihres Ziels toleriert oder durch den Finanzierungsbedarf der Regierung eingeschränkt ist, kann das lange Ende weiter unter Druck bleiben, selbst wenn die Erwartungen für kurzfristige Zinsen sinken.
Höhere Renditen locken Käufer an, Treasury-Auktionen verlaufen ausreichend solide, die Bank of Japan normalisiert ihre Geldpolitik schrittweise und japanische Institutionen bauen ihre Portfolios ohne Zwangsverkäufe um. Die langfristigen US-Renditen bleiben erhöht, stabilisieren sich aber. Das wäre eine Neubewertung von Risiken – kein Zusammenbruch der Nachfrage nach Staatsanleihen.
Schwache Auktionen, anhaltende Defizitsorgen, weitere Unternehmensanleihen und der Eindruck, die US-Geldpolitik gehe zu tolerant mit Inflation um, könnten die Laufzeitprämien weiter erhöhen. Eine geringere Wiederanlage japanischer Gelder würde diesen Druck verstärken. Das Grundproblem wäre jedoch breiter als Japan: Es ginge um das Verhältnis von US-Schuldenangebot, Inflation und geldpolitischer Glaubwürdigkeit.
Ein ungeordneter Anstieg der JGB-Renditen, erneute Yen-Interventionen und ein schnellerer als erwarteter Straffungskurs der Bank of Japan könnten Carry-Trades und globale Anleihemärkte destabilisieren. Zunächst könnten US-Renditen steigen, wenn japanische Anleger Auslandsanlagen verkaufen. Ein späterer Liquiditätsschock könnte dagegen eine Flucht in den Dollar und in US-Treasuries auslösen.
Japans Rendite von 2,93 % bei zehnjährigen Staatsanleihen ist deshalb relevant, weil sie die relative Attraktivität japanischer und ausländischer Anleihen verändert – und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem der US-Markt bereits hohe Emissionen, wachsende Defizitsorgen, private Kreditaufnahme und unsichere Inflationserwartungen verarbeiten muss.
Japan kann damit eine wichtige Quelle der Treasury-Nachfrage schwächen und das Risiko einer Kapitalrückführung erhöhen. Die Entwicklung reicht jedoch nicht aus, um den gesamten Ausverkauf am langen Ende der US-Zinskurve zu erklären.
Die Daten sprechen für erhöhte Risiken bei langfristigen Anleihen, Staatsfinanzen, Wechselkursen und der Glaubwürdigkeit der Notenbanken. Sie belegen noch keine unmittelbar bevorstehende japanische oder G7-Fiskalkrise, keinen dauerhaften Käuferstreik und keinen Zusammenbruch der Nachfrage nach Staatsanleihen. Gold und ausgewählte sichere Währungen könnten von steigenden Risikoprämien profitieren. Bei einem echten globalen Liquiditätsschock könnten zunächst allerdings auch der US-Dollar und US-Treasuries gefragt sein.