Der Mechanismus hinter der Goldnachfrage ist vergleichsweise einfach: Steigt die wahrgenommene Gefahr eines Konflikts, neuer Sanktionen oder einer Störung von Rohstoffströmen, greifen Anleger eher zu einem Vermögenswert, der als Portfolioabsicherung dient. Gold hängt nicht von der Zahlungsfähigkeit eines einzelnen Emittenten ab und kann deshalb attraktiv wirken, wenn politische, finanzielle und logistische Risiken neu bewertet werden.
Der Ölpreis war sowohl ein Signal für die Hormus-Risiken als auch ein Übertragungskanal in die Finanzmärkte. Reuters zufolge legten die Ölpreise zu, während die Märkte die Aussichten für eine Wiederöffnung der Meerenge bewerteten. In einer früheren Phase der Konfrontation erreichte Gold zudem ein Neun-Wochen-Hoch.
Zunächst können höhere Ölpreise die Goldnachfrage stärken: Sie nähren die Angst vor einem Energieschock, anhaltender Inflation und einer größeren wirtschaftlichen Störung. Der Zusammenhang kann sich jedoch umkehren. Wenn teures Öl die Inflation dauerhaft anheizt, könnten die Märkte weniger Zinssenkungen der US-Notenbank Federal Reserve einpreisen – oder sogar eine erneute Straffung erwarten.
Steigende Renditen von US-Staatsanleihen und ein stärkerer Dollar erhöhen die Opportunitätskosten von Gold, das keine laufenden Zinsen abwirft. Dieser Druck zeigte sich bereits im Juli. Reuters berichtete damals, dass neue Spannungen zwischen den USA und Iran die Ölpreise und den Dollar nach oben trieben. Dadurch stiegen die Erwartungen an länger anhaltend hohe Zinsen, was Gold belastete.
Gold profitiert daher am stärksten, wenn geopolitische Risiken steigen, ohne dass gleichzeitig die realen Renditen und der Dollar deutlich zulegen.
Der Jahresanstieg von 37,05 Prozent deutet darauf hin, dass die Hormus-Krise nicht die gesamte Geschichte erklärt. Die jüngsten Schlagzeilen verliehen einem Markt zusätzliche Dynamik, der bereits auf historisch hohem Niveau gehandelt wurde. Die vorliegenden Daten zeigen jedoch nicht, welcher Anteil des Jahresanstiegs konkret auf Käufe von Zentralbanken, Portfolioabsicherung oder geopolitische Risiken entfällt.
Eine belastbare Schlussfolgerung ist deshalb: Das Ereignis machte die Empfindlichkeit des Goldpreises gegenüber mehreren Faktoren gleichzeitig sichtbar.
Der Goldpreis kann deshalb in beide Richtungen heftig reagieren. Im August wurden Fortschritte bei einer Wiederöffnung von Hormus mit steigenden Goldpreisen in Verbindung gebracht – unter anderem, weil dadurch die Erwartungen an eine ölbedingte Zinserhöhung der Federal Reserve zurückgingen.
Das zeigt, warum Gold nicht schlicht nach dem Muster „Krieg hoch, Gold hoch“ funktioniert. Entscheidend ist, wie ein geopolitisches Ereignis die Ölpreise, den Dollar, die Renditen und die Erwartungen an die Zentralbanken verändert.
Auch der Goldterminmarkt in Hongkong lieferte ein eigenständiges, aber verwandtes Signal für veränderte Edelmetallströme. Beim US-Dollar-Gold-Futures-Kontrakt der Hong Kong Exchanges and Clearing wurden am 19. August 145 Kilogramm Gold physisch geliefert. Das war mehr als doppelt so viel wie der bisherige Rekord von 63 Kilogramm aus dem Dezember 2018.
Seit dem Neustart des Kontrakts am 6. Juli erreichte das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen 9.974 Kontrakte. Der nominale Wert lag bei rund 1,35 Milliarden US-Dollar; mehr als 30 Marktteilnehmer waren beteiligt.
Die Lieferzahl ist deshalb relevant, weil sie zeigt, dass der Kontrakt den Terminhandel mit dem physischen Goldmarkt verbindet und nicht ausschließlich als Plattform für bar abgerechnete Spekulation dient. Der Kontrakt steht für ein Kilogramm hochreines Gold und wird in Hongkong physisch erfüllt.
Das unterstützt Hongkongs Ambition, sich zu einem regionalen Zentrum für Edelmetallhandel und Risikomanagement zu entwickeln. Die Kombination aus US-Dollar- und Offshore-Renminbi-Notierung sowie der Lieferung in Hongkong bietet Marktteilnehmern eine zusätzliche Möglichkeit, Goldrisiken zu steuern – insbesondere in einer Zeit, in der Sanktionen und Handelsbeschränkungen etablierte Handelswege verändern. HKEX beschreibt das Produkt ausdrücklich als Angebot für Teilnehmer aus Festlandchina und dem internationalen Markt.
Ein einzelner Lieferrekord beweist allerdings nicht, dass Hongkong London, New York oder Shanghai als führende Handelsplätze verdrängt hat. Für einen dauerhaft globalen Hub wären anhaltende Liquidität über verschiedene Laufzeiten, zuverlässige Abwicklung und Lieferung, eine breite internationale Beteiligung sowie ein dichtes Umfeld aus Lagerhäusern, Raffinerien und Händlern erforderlich. Die jüngsten Zahlen zeigen Dynamik – noch keine Marktdominanz.
Der Ausblick hängt maßgeblich davon ab, welches Risiko künftig den Markt dominiert.
Gold könnte unterstützt bleiben, wenn die Diplomatie festgefahren bleibt, die Risiken für die Schifffahrt anhalten und Anleger weiterhin Schutz vor einer größeren regionalen Eskalation suchen. Eine unveränderte Geldpolitik der Federal Reserve, sinkende reale Renditen oder ein schwächerer Dollar würden diese geopolitische Nachfrage verstärken, weil dadurch die Kosten für das Halten von Gold sinken.
Die Rally könnte sich umkehren, wenn ein glaubwürdiges Abkommen den kommerziellen Schiffsverkehr durch Hormus wiederherstellt und die wahrgenommene Eskalationsgefahr zurückgeht. Zusätzlicher Druck entstünde, wenn die Ölpreise hoch genug blieben, um Inflationserwartungen, den Dollar und die Renditen von US-Staatsanleihen zu treiben.
Eine solche Kombination führte bereits zu einer deutlichen Gegenbewegung: Gold-Futures fielen, als stark steigende Anleiherenditen, ein festerer Dollar und neue Unsicherheit rund um Hormus zusammentrafen.
Die Marke von 4.600 US-Dollar ist daher eher als nachrichtenempfindliches Marktniveau denn als feststehende fundamentale Bewertung zu verstehen. Die Hormus-Krise hat einen geopolitischen Aufschlag geschaffen. Der nächste größere Schritt hängt davon ab, ob die Nachfrage nach einem sicheren Hafen oder der zinssensitive Verkaufsdruck die Oberhand gewinnt.