Für KI-Rechenzentren werden sowohl hochentwickelte Logikprozessoren als auch leistungsfähige Speicher benötigt. Chiphersteller investieren deshalb nicht nur in einen einzelnen Teil der Produktionskette, sondern bauen gleichzeitig Kapazitäten für moderne Logik- und Speicherchips aus.
ASML bezeichnete die Kundennachfrage nach seinen Lithografieanlagen als „extrem stark“. Das Unternehmen will seine Kapazitäten ausweiten, um die Nachfrage nach Systemen für die Herstellung fortschrittlicher KI-Chips bedienen zu können.
Das ist ein robusteres Signal als ein einzelner Großauftrag oder ein außergewöhnlich gutes Quartal. Die Kunden planen ihre Kapazitäten offenbar weiter in die Zukunft hinein, während ASML bereits reagiert, bevor jede potenzielle Nachfrage in verbuchten Umsatz umgewandelt wurde.
Für Anleger ist diese Unterscheidung wichtig: Ein hoher Auftragseingang und langfristige Zusagen verbessern die Planbarkeit, beseitigen aber nicht alle Risiken. Liefertermine, der Bau neuer Fabriken, die Abnahme der Systeme, Exportbeschränkungen und mögliche Stornierungen können den tatsächlichen Umsatzzeitpunkt beeinflussen. Ein Auftragsbestand ist nicht dasselbe wie kurzfristig realisierter Umsatz.
ASML beendete das Jahr 2025 mit einem gemeldeten Auftragsbestand von 38,8 Milliarden Euro. Das entspricht grob einer Umsatzsichtbarkeit von 18 bis 24 Monaten. Das Management erklärte zudem, dass die EUV-Kapazität für 2027 nahezu vollständig durch Bestellungen abgedeckt sei. Für Anlagen, die 2028 ausgeliefert werden sollen, seien bereits zahlreiche Aufträge eingegangen.
Für 2027 plant ASML, die Produktionskapazität für Low-NA-EUV-Systeme gegenüber dem für 2026 geplanten Niveau um rund 30 Prozent zu erhöhen. Grundlage sind etwa 65 Systeme, die 2026 ausgeliefert werden sollen. Für 2028 prüft das Unternehmen einen weiteren Kapazitätsausbau um 30 Prozent.
Auch die Kapazität für Immersions-DUV-Anlagen soll 2027 um 30 Prozent steigen. Eine weitere Ausweitung für 2028 wird geprüft.
Diese Pläne senden zwei Signale. Erstens ist die Nachfrage so stark, dass ASML bereits vor dem vollständigen Umsatzzyklus Kapital und operative Ressourcen bindet. Zweitens steht das Unternehmen vor einer anspruchsvollen Expansion. Dafür müssen Zulieferer, Fertigung, hochqualifizierte Arbeitskräfte und die Bereitschaft der Kunden zusammenspielen.
Mehr Kapazität kann Umsatz und Margen stützen. Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit vom Investitionszyklus der Halbleiterbranche: Sollte die Nachfrage nach KI-Infrastruktur nachlassen, könnte ASML auf einem Teil der zusätzlich aufgebauten Kapazität sitzen.
Der wichtigste Wettbewerbsvorteil von ASML ist seine exklusive Position bei der extrem ultravioletten Lithografie, kurz EUV. Diese Technologie wird für die Herstellung besonders fortschrittlicher Chips benötigt. TheStreet beschrieb ASML als Unternehmen mit exklusivem Zugriff auf EUV; Reuters berichtete, dass die Anlagen für die Produktion moderner KI-Chips erforderlich sind.
Diese Stellung erklärt, warum der Konzern einen Bewertungsaufschlag verlangen kann. Chiphersteller, die ihre modernsten Fertigungskapazitäten ausbauen wollen, haben nur wenige praktikable Alternativen. Der strategische Wert der Anlagen steigt zusätzlich, wenn KI die Nachfrage nach führender Fertigungskapazität erhöht.
Der Schutzwall ist stark, aber keine Garantie für dauerhaft steigende Kurse. ASML bleibt von den Investitionsentscheidungen einer vergleichsweise kleinen Gruppe großer Halbleiterkunden abhängig. Hinzu kommen geopolitische Exportbeschränkungen sowie Schwankungen beim Zeitpunkt großer Systemlieferungen.
Die ASML-Aktie fiel innerhalb von drei Sitzungen von 1.621,20 Euro auf 1.505,40 Euro. Das entspricht einem Rückgang von etwa 7,1 Prozent. Eine Berechnung des Börsenwerts bezifferte den Rückgang auf rund 45 Milliarden Euro.
Diese Zahl beschreibt die Veränderung des Marktwerts der ausstehenden Aktien. Sie bedeutet nicht, dass 45 Milliarden Euro aus dem operativen Geschäft des Unternehmens verschwunden sind.
Berichte führten den breiteren Rückgang bei Technologie- und Halbleiteraktien unter anderem auf eine allgemeine Risikoaversion, steigende Anleiherenditen und geopolitische Sorgen zurück. Der Kursrutsch wirkt daher zunächst eher wie eine Veränderung bei Marktpositionierung und Diskontierungszinssätzen als wie ein Beleg für eine Verschlechterung der ASML-Aufträge oder der Prognose.
Ganz ohne Fundamentaleffekt muss eine solche Marktbewegung dennoch nicht bleiben. Höhere Zinsen oder eine geringere Risikobereitschaft können Kunden dazu bringen, Investitionen zu verschieben. Für ASML-Anleger lautet die entscheidende Frage deshalb nicht, ob die Aktie trotz starker Geschäftszahlen fallen kann – das kann sie offensichtlich –, sondern ob die Gewinnschätzungen stabil bleiben, wenn der Markt ein niedrigeres Bewertungsmultiple ansetzt.
Nach Daten von MarketScreener wurde ASML mit etwa dem 39,4-Fachen der für 2026 erwarteten Gewinne und dem 29,1-Fachen der für 2027 erwarteten Gewinne bewertet. Diese Multiplikatoren zeigen, dass der Markt bereits ein kräftiges Gewinnwachstum vorwegnimmt.
Ein niedrigeres Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2027 kann die heutige Bewertung vernünftiger erscheinen lassen – aber nur, wenn die zugrunde liegenden Gewinnschätzungen tatsächlich erreicht werden.
Auch die Behauptung, ASML sei „45,5 Prozent überbewertet“, sollte daher als Ergebnis eines Bewertungsmodells verstanden werden, nicht als objektive Tatsache. Der faire Wert hängt von Annahmen zu Wachstum, Margen, Diskontierungssätzen und der Dauer des Halbleiterzyklus ab. Die sinnvollere Schlussfolgerung lautet: Die Aktie ist auf anhaltend starke Ausführung und weiteres Gewinnwachstum angewiesen.
Die Kursziele der Analysten sind überwiegend positiv, unterscheiden sich aber je nach Anbieter und Aktualisierungszeitpunkt. MarketBeat meldete einen Konsens von „Moderate Buy“ und ein durchschnittliches Kursziel von 1.970,33 US-Dollar. Bernstein erhöhte sein Ziel auf 2.623 US-Dollar, JPMorgan auf 2.400 US-Dollar.
Solche Kursziele sind Szenarien auf Basis bestimmter Annahmen – keine Garantien und keine unabhängige Bestätigung eines inneren Werts.
Die vorliegenden Daten sprechen für einen überzeugenden langfristigen Investmentcase:
Dem stehen wichtige Risiken gegenüber:
Für Anleger mit mehrjährigem Zeithorizont, die Kursschwankungen aushalten und von dauerhaft hohen Investitionen in KI-Chips überzeugt sind, bietet ASML einen seltenen Zugang zu einem zentralen Engpass der Halbleiterproduktion. Nach den Prognoseanhebungen und den starken Kursgewinnen der Vergangenheit sollte die Aktie jedoch als Premium-Wachstumswert mit Ausführungs- und Bewertungsrisiken verstanden werden – nicht als offensichtliches Schnäppchen, das allein durch den jüngsten Kursrutsch entstanden ist.