Trotz dieser Einschränkung ist die Entwicklung bemerkenswert. Sie deutet darauf hin, dass die Nachfrage nach Modellzugängen, Unternehmenseinsätzen und Programmierprodukten weit über erste Pilotprojekte hinausgewachsen ist. Gleichzeitig verschärft sich der kommerzielle Wettbewerb mit OpenAI: Beide Unternehmen konkurrieren um Geschäftskunden, Entwickler, Rechenkapazitäten, Preise und die Kostenökonomie großer Modellabfragen.
Der vorläufige Umsatz im zweiten Quartal soll über 11,5 Milliarden US-Dollar gelegen haben – gegenüber 787 Millionen US-Dollar im Vorjahresquartal. Im Vergleich zum ersten Quartal mit 4,73 Milliarden US-Dollar hätte sich der Umsatz damit mehr als verdoppelt. Außerdem erzielte Anthropic demnach erstmals ein positives bereinigtes Betriebsergebnis.
Das spricht dafür, dass Unternehmenskunden bereit sind, erhebliche Summen für moderne KI-Modelle und Programmierwerkzeuge auszugeben. Es belegt allerdings weder einen Gewinn nach US-GAAP noch einen positiven freien Cashflow. Die Zahlen waren vorläufig und könnten noch angepasst werden. Zudem können beim bereinigten Betriebsergebnis Kosten herausgerechnet werden, die Anleger bei einem Börsenunternehmen genau prüfen würden.
Das ist bei KI-Unternehmen besonders relevant. Das Training und der Betrieb großer Modelle erfordern laufende Ausgaben für Chips, Rechenzentren, Netzwerke, Energie, Cloud-Kapazitäten und hoch spezialisiertes Personal. Ein positives bereinigtes Ergebnis ist ein ermutigendes Signal, beantwortet aber noch nicht die Fragen nach Bruttomargen, langfristigen Infrastrukturverträgen, Abschreibungen, aktienbasierter Vergütung, Kundenkonzentration und tatsächlicher Liquiditätsgenerierung.
Frühere Berichte besagten, Anthropic habe 65 Milliarden US-Dollar zu einer Post-Money-Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar aufgenommen. Außerdem soll das Unternehmen am 1. Juni 2026 vertraulich einen Entwurf der Registrierungserklärung bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht haben.
Eine vertrauliche Einreichung ist ein wichtiger Schritt, weil damit die Prüfung durch die SEC beginnt und die Möglichkeit eines Börsengangs vorbereitet wird. Sie garantiert jedoch nicht, dass Anthropic tatsächlich an die Börse geht. Auch Aktienzahl, Preisspanne, Emissionsvolumen, Bewertung und Handelstag stehen dadurch nicht fest. Die Bedingungen können sich ändern; ebenso kann sich die Transaktion wegen der regulatorischen Prüfung oder der Marktbedingungen verzögern oder ganz entfallen.
Deshalb muss zwischen Vorbereitungen für einen IPO und einem terminierten Börsengang unterschieden werden. Berichte über einen möglichen Börsenstart im Oktober und eine Bewertung von 2 Billionen US-Dollar oder mehr beschreiben ein denkbares Szenario – keine endgültigen Angebotsbedingungen.
Reuters zufolge rechnet Anthropic für 2028 mit einem Umsatz von ungefähr 190 bis 200 Milliarden US-Dollar. Diese Prognose liegt weit über dem im Mai genannten Umsatztempo von 47 Milliarden US-Dollar. Sie zeigt damit, wie viel zukünftiges Wachstum bei einem möglichen Börsengang bereits eingepreist werden müsste.
Bei einer Bewertung von 2 Billionen US-Dollar entspräche das ungefähr dem 10- bis 10,5-Fachen des für 2028 erwarteten Umsatzes. Diese Rechnung ist kein Bewertungsurteil. Sie macht lediglich sichtbar, welche Annahme hinter der Schlagzeile steckt: Anleger müssten darauf vertrauen, dass Anthropic über Jahre sehr schnell wächst, die prognostizierte Größenordnung erreicht und nach den hohen Kosten für Rechenleistung und Infrastruktur ausreichend Marge behält.
Die Bewertung beruht damit auf drei miteinander verbundenen Annahmen:
Eine Prognose kann sich als grundsätzlich richtig erweisen und dennoch für eine IPO-Bewertung zu optimistisch sein. An den öffentlichen Märkten könnten Investoren die Annahmen anhand offengelegter Verträge, Kundenbindung, Margen, Cashflow und späterer Geschäftszahlen überprüfen.
Prognosemärkte haben zuletzt scheinbar widersprüchliche Signale zum KI-IPO-Rennen geliefert. Märkte, die konkret danach fragen, ob Anthropic bis zu einem bestimmten Datum an die Börse geht, sehen eine nennenswerte Wahrscheinlichkeit für einen Börsenstart im Oktober oder bis Ende 2026. In Märkten zur Frage, welches Unternehmen – Anthropic oder OpenAI – zuerst gelistet wird, lag Anthropic in jüngeren Momentaufnahmen ebenfalls vorn.
Das ist keine Bestätigung eines geplanten Börsengangs. Die Preise in solchen Märkten sind sich verändernde, gemeinschaftlich gebildete Wahrscheinlichkeitsschätzungen. Ihre Aussagekraft hängt von der genauen Fragestellung, dem Stichtag, der Liquidität und den Regeln zur Auflösung des Marktes ab. Frühere Berichte führten zudem zu deutlichen Verschiebungen der Erwartungen; zeitweise wurde OpenAI als wahrscheinlicherer Vorreiter gesehen.
Die vorsichtigste Schlussfolgerung lautet daher: Marktteilnehmer halten Anthropic derzeit für einen plausiblen Kandidaten, noch vor OpenAI an die Börse zu gehen. Weder der Zeitpunkt noch der Börsengang selbst sind dadurch sicher. Die vertrauliche Einreichung und die Gespräche mit Investoren erhöhen die Glaubwürdigkeit dieses Weges, machen einen Börsenstart im Oktober aber keineswegs unausweichlich.
Das gemeldete Umsatzwachstum und das erste positive bereinigte Betriebsergebnis deuten darauf hin, dass KI-Anbieter mit Unternehmensprodukten, Modellzugängen und Entwicklerwerkzeugen erhebliche Umsätze erzielen können – nicht nur mit Chatbots für Privatnutzer.
Damit verschiebt sich die Investmentfrage. Es geht nicht mehr allein darum, ob Menschen leistungsfähige Modelle verwenden. Entscheidend ist, ob Anbieter die Nutzung in wiederkehrende, margenstarke Umsätze umwandeln können, während sie zugleich die Infrastruktur für die Bereitstellung finanzieren.
Ein Unternehmen, das in wenigen Jahren Hunderte Milliarden US-Dollar Umsatz anstrebt, benötigt dauerhaft Zugang zu enormen Rechen- und Infrastrukturressourcen. Diese Investitionen könnten direkt von Anthropic, von Cloud- und strategischen Partnern oder von allen Beteiligten gemeinsam getragen werden. Das wirtschaftliche Risiko verschwindet jedoch nicht, nur weil der Umsatz steigt.
Die Zahlen liefern dem hohen Technologieaufwand eine überzeugendere kommerzielle Begründung – aber keine Renditegarantie. Anleger müssen unterscheiden, ob KI-Infrastruktur produktiv eingesetzt wird oder ob Kapazitäten teuer, ungenutzt oder von stetig steigenden Preisen und einer immer weiter zunehmenden Nachfrage abhängig sind.
Anthropics gemeldetes Umsatztempo macht das Unternehmen zu einem deutlich stärkeren kommerziellen Rivalen von OpenAI. Im Mittelpunkt stehen zunehmend die Verteilung über Unternehmenskunden, Entwicklerökosysteme, Programmier-Workflows, Modellqualität, Preise, Effizienz der Inferenz, Zugang zu Chips und Rechenzentren sowie die Finanzierung künftiger Modellgenerationen.
Für Kunden kann dieser Wettbewerb mehr Auswahl und eine schnellere Produktentwicklung bedeuten. Für Investoren heißt er zugleich, dass beeindruckende Wachstumszahlen zusammen mit Wechselkosten, Kundenkonzentration, möglicher Austauschbarkeit von Modellen und den Kosten zur Verteidigung eines technologischen Vorsprungs bewertet werden müssen.
Anthropics gemeldete Entwicklung stärkt die These, dass Unternehmens-KI zu einem sehr großen Software- und Infrastrukturmarkt werden kann. Ein Umsatztempo von mehr als 65 Milliarden US-Dollar, ein vorläufiger Quartalsumsatz von über 11,5 Milliarden US-Dollar und ein erstmals positives bereinigtes Betriebsergebnis verleihen dem Unternehmen ein deutlich überzeugenderes kommerzielles Profil als eine Bewertung, die allein auf Forschungshoffnungen beruhen würde.
Der mögliche Börsengang bleibt dennoch eine Wette auf die Zukunft. Die Diskussion über 2 Billionen US-Dollar setzt voraus, dass Anthropic außergewöhnlich schnell weiter wächst und 2028 einen Umsatz von 190 bis 200 Milliarden US-Dollar erreicht – während gleichzeitig die teure Infrastruktur hinter den Modellen finanziert werden muss.
Solange keine endgültigen Angebotsbedingungen und geprüften Finanzberichte vorliegen, ist die belastbarste Einschätzung daher: Anthropics Geschäftsdynamik ist stark genug, um die Debatte über KI-IPOs grundlegend zu verändern. Sie reicht aber noch nicht aus, um die Risiken der zugrunde liegenden Prognosen auszuräumen.