Beim tatsächlich verbuchten Quartalsumsatz lag Anthropic damit erstmals vor OpenAI. Die Einschränkung ist wesentlich: Anthropics Zahlen waren vorläufig und stammten aus Unterlagen, die Bloomberg einsehen konnte. Zudem veröffentlichen beide Unternehmen keine vollständig identischen Finanzdaten.
Anthropic erzielte Berichten zufolge im zweiten Quartal erstmals ein positives bereinigtes Betriebsergebnis. Das ist ein bedeutender Meilenstein, doch das Wort „bereinigt“ ist entscheidend: Daraus lässt sich nicht automatisch auf einen Gewinn nach US-GAAP, einen positiven freien Cashflow oder ein dauerhaft profitables Geschäftsmodell schließen.
Bei OpenAI zeigte die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Laut Wall Street Journal verlangsamte sich das Umsatzwachstum, während sich die Verluste ausweiteten. SiliconANGLE bezifferte den operativen Verlust unter Berufung auf dieselben Investorenangaben auf 12,3 Milliarden US-Dollar – nach 9,3 Milliarden US-Dollar im ersten Quartal.
Anthropic besitzt damit kurzfristig die überzeugendere Profitabilitätsstory. Ob die Kostenstruktur tatsächlich dauerhaft überlegen ist, bleibt allerdings offen. Bei Anbietern sogenannter Frontier-Modelle können sich die Ausgaben für Training, Inferenz, Vertrieb und Produktentwicklung sehr schnell verändern.
Anthropics annualisierte Umsatzrate soll Ende Juli mehr als 65 Milliarden US-Dollar erreicht haben. Im Mai hatte sie laut investorengestützten Berichten bei 47 Milliarden US-Dollar gelegen.
OpenAI lieferte im Juli ein anderes, aber ebenfalls auffälliges Signal. Finanzchefin Sarah Friar sagte Mitarbeitern, der annualisierte wiederkehrende Umsatz des Unternehmens habe im Juli den gesamten Umsatz des zweiten Quartals übertroffen. CNBC berichtete über die Aussage aus einem internen Treffen. Als Wachstumstreiber wurden unter anderem die Modellfamilie GPT-5.6, der Unternehmensagent ChatGPT Work und das Programmiertool Codex genannt.
Das bedeutet nicht, dass OpenAI im Juli tatsächlich mehr Umsatz verbuchte als im gesamten Quartal. Eine annualisierte wiederkehrende Umsatzrate – auf Englisch annualized recurring revenue oder ARR – ist eine Hochrechnung des aktuellen Tempos auf ein ganzes Jahr. Quartalsumsatz bezeichnet dagegen die in einem abgegrenzten Zeitraum real verbuchten Erlöse.
Die belastbarere Schlussfolgerung lautet daher: Anthropic wies Ende Juli die höhere gemeldete Umsatzrate auf, während OpenAI eine starke Verbesserung seines aktuellen Verkaufstempos nach dem schwächeren zweiten Quartal behauptete.
Der Produktvergleich ist schwieriger als der Finanzvergleich. OpenAI brachte die GPT-5.6-Familie mit Sol, Terra und Luna im Juli für ChatGPT, Codex und die API auf den Markt. Sekundäranalysen sehen GPT-5.6 Sol beim veröffentlichten API-Preis günstiger als Claude Fable 5, schreiben den Modellen aber je nach Benchmark und Arbeitsablauf unterschiedliche Stärken zu.
Fable 5 wird etwa als konkurrenzfähig bei anspruchsvollen Software-Engineering-Aufgaben beschrieben. Sol soll dagegen bei kostensensitiven, agentischen und terminalbasierten Arbeitsabläufen Vorteile haben. Die Tests messen jedoch nicht dasselbe; mehrere Ergebnisse stammen zudem aus Anbieterangaben oder sekundären Auswertungen und nicht aus einer einzigen unabhängigen Vergleichsstudie.
Praktische Nutzungsdaten können deshalb aussagekräftiger sein als ein einzelner Benchmark. The Decoder berichtete unter Berufung auf Ramp-Daten, Fable 5 habe im Juli rund 75 Prozent des modellbezogenen Umsatzes von GPT-5.6 Sol erzielt – trotz des höheren Preises pro Token. Das deutet auf eine schnellere anfängliche Geschäftsnutzung von Sol hin, beweist aber weder, dass Sol insgesamt das bessere Modell ist, noch dass OpenAI den gesamten Produktwettbewerb gewonnen hat.
Die verfügbare Berichterstattung stützt eine breite strategische Unterscheidung: Anthropics Wachstum scheint stark von Unternehmenskunden und API-Nachfrage getragen zu werden, während OpenAI von einem breiteren Ökosystem aus Verbrauchern, Entwicklern und integrierten Produkten profitiert. Claude Code wird häufig als wichtiger Wachstumstreiber genannt. Die konkrete Schätzung eines annualisierten Umsatzes von mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar beruht hier jedoch vor allem auf weniger belastbaren Branchenanalysen und nicht auf einer hochwertigen Primärquelle.
Ähnlich vorsichtig sollten genaue Marktanteilsangaben behandelt werden. Ein Bericht nennt für Anthropic 32 Prozent des Enterprise-API-Marktes gegenüber 25 Prozent für OpenAI. Methodik und Datengrundlage sind jedoch nicht ausreichend transparent, um diese Werte als definitive Marktanteile zu betrachten.
Auch die Ramp-basierten Angaben zur Verbreitung werden uneinheitlich wiedergegeben. Business Insider nannte für Juli einen Anteil von 43,5 Prozent der US-Unternehmen, die für Anthropic-Produkte zahlten, gegenüber 39,7 Prozent bei OpenAI. Die zugrunde liegenden Ramp-Daten und ausreichende methodische Details für eine unabhängige Prüfung liegen hier nicht vor.
Solche Werte können als Richtungsindikatoren nützlich sein. Sie messen jedoch nicht automatisch den gesamten API-Markt, den Enterprise-Umsatz oder die Qualität und Größe der jeweiligen Kundenbasis.
Anthropics Umsatzsprung, das positive bereinigte Betriebsergebnis und die gemeldete Umsatzrate von mehr als 65 Milliarden US-Dollar würden die Argumentation für einen späteren Börsengang stärken. Potenzielle Investoren erhielten damit die Geschichte einer schnell skalierenden Enterprise-Strategie mit einem früher als erwarteten Weg zu bereinigter Profitabilität.
Nicht ausreichend bestätigt sind dagegen die konkreteren Behauptungen, Anthropic habe vertraulich einen S-1-Entwurf eingereicht oder Morgan Stanley, Goldman Sachs und JPMorgan als Konsortialbanken beauftragt. Berichte über IPO-Vorbereitungen sollten deshalb als Hinweise auf mögliche Planungen verstanden werden – nicht als Beleg dafür, dass ein Börsengang beschlossen, unmittelbar bevorstehend oder zu einer bestimmten Bewertung garantiert ist.
Auch OpenAI steht vor den Erwartungen der Kapitalmärkte. Berichte beschreiben einen viel beachteten möglichen Börsengang und die Sorge von Investoren über die wachsenden Verluste. Die Juli-Angabe zur annualisierten Umsatzrate kann diese Story verbessern, beantwortet aber nicht automatisch Fragen zu Margen, Kapitalbedarf und der Nachhaltigkeit der Nachfrage nach neuen Produkten.
Anthropics Q2-Zahlen zeigen, wie schnell eine Enterprise-first-Strategie wachsen kann, wenn Unternehmen Modelle über APIs und workflow-spezifische Werkzeuge einsetzen. OpenAIs Juli-Update wiederum macht deutlich, warum ein schwächeres Quartal nicht zwingend einen dauerhaften Bedeutungsverlust bedeutet: Neue Modelle, Unternehmensprodukte und Coding-Tools können die Entwicklung innerhalb kurzer Zeit verändern.
Für Käufer von KI-Systemen ist daher weniger die Frage entscheidend, welcher Anbieter dauerhaft „gewonnen“ hat. Budgets können zu dem Modell wandern, das gerade die beste Kombination aus Qualität, Zuverlässigkeit, Preis und passender Einbindung in bestehende Arbeitsabläufe bietet. Niedrige Wechselkosten machen Plattformvorteile dennoch nicht bedeutungslos. Distribution, Integrationen, Entwicklerwerkzeuge, Sicherheits- und Compliance-Funktionen sowie fest verankerte Prozesse können weiterhin die Kundenbindung stärken.
Fazit: Anthropic gewann den berichteten Vergleich des zweiten Quartals bei Umsatz, Wachstum und bereinigtem Betriebsergebnis. OpenAIs stärkstes Argument kam aus der Dynamik zu Beginn des dritten Quartals, nicht aus dem finanziellen Quartalsbild. Das Rennen blieb offen – und besonders präzise Angaben zu API-Anteilen, Produktnutzung und IPO-Bankpartnern benötigen weiterhin verlässlichere Bestätigung.