Vermögensberater und Finanz-Influencer bewerben diese bisher obskuren Strategien aggressiv auf TikTok, Instagram und YouTube . Der Werbespruch klingt verlockend: Wer die Einzelaktien eines Index direkt besitzt – statt nur einen ETF –, kann gezielt Verlustpositionen verkaufen, die realisierten Verluste mit anderen Gewinnen verrechnen und sofort ähnliche Aktien kaufen, um die Marktposition zu halten . Fintechs senken die Mindestanlagesummen und machen selbst komplexe Long-Short-Konstrukte als „No-Brainer“ schmackhaft .
Der Hype hat eine scharfe Gegenreaktion jener Banken ausgelöst, die diese Strategien überhaupt erst möglich gemacht haben:
Gehebelte Long-Short-Varianten des Direct Indexing haben hohe Kosten: Verwaltungsgebühren, Handelsprovisionen und Finanzierungskosten. Bei einer 140/40-Strategie liegt allein die Nachsteuer-Finanzierung bei etwa 0,23 % pro Jahr . Elm Wealth errechnete, dass für einen typischen Anleger die Gebühren an den Manager mehr als die Hälfte der erzielten Steuerersparnis auffressen – per Saldo bleibt eine niedrigere Nachsteuerrendite, als wenn er einfach einen ETF gekauft hätte .
AQR selbst stellt fest, dass die Steuervorteile von Direct-Indexing-Strategien „mit der Zeit recht schnell verfallen“ . Ohne regelmäßige Kapitaleinzahlungen profitieren nur Anleger mit systematischen kurzfristigen Kapitalgewinnen aus anderen Quellen. Bei Anlegern, die nur langfristige Gewinne haben, sinkt der Vorteil laut AQR nach rund fünf Jahren auf null . Historische Simulationen zeigen, dass Direct Indexing im Schnitt nur etwa 30 % des Startkapitals als kumulierte Nettverluste realisieren kann, bevor die Erntemöglichkeiten erschöpft sind .
Wer Einzelaktien hält statt eines ETFs, erzeugt zwangsläufig Tracking Error – die Abweichung vom Index . Das Rain-Dog-Whitepaper argumentiert, dass Direct Indexing die „Kosten erhöht und effektives Tax Loss Harvesting untergräbt“, weil jede Personalisierung auf Kosten der Indexnähe gehe und von passivem zu aktivem Management abdrifte .
Ein Rentner mit einem Direct-Indexing-Separately-Managed-Account (SMA) hielt Lockheed-Martin-Aktien, die mit hohen Anschaffungskosten im Depot lagen. Als Lockheed einbrach, verkaufte die Strategie automatisch, um den Verlust zu realisieren – aber der Rentner, der auf diese Aktie für sein Portfoli Einkommen angewiesen war, wollte gar nicht verkaufen. Der Zwangsverkauf bescherte ihm einen realen, dauerhaften Kapitalverlust. Die Ersatzaktie hatte eine niedrigere Rendite und passte nicht zu seinem Einkommensprofil . Das Beispiel zeigt das Kernproblem: Tax Loss Harvesting arbeitet systematisch und unterschiedslos – und in kleinen Depots, in denen jede Position zählt, kann der realisierte Verlust schlimmer sein als die aufgeschobene Steuerlast.
Finanzexperten sind sich einig: Diese Strategien sind etwas für sehr vermögende Anleger mit großen Depots, regelmäßigen kurzfristigen Kapitalgewinnen und der Fähigkeit, frisches Geld nachzuschießen. Für den Durchschnittsanleger ist die Kombination aus Gebühren, Tracking Error, Margin-Risiko und schwindenden Steuervorteilen meist schädlicher als der einfache ETF . Das Schwab Center for Financial Research schätzt, dass Tax Loss Harvesting unter idealen Bedingungen 1–2 Prozentpunkte Nachsteuerrendite bringen kann – aber diese Rechnung geht nur auf, wenn die Kosten niedrig und die Verluste hoch genug sind. Genau das ist bei kleinen Depots selten der Fall .