Die besonders kurzen Bitcoin-Kontrakte funktionierten im Kern wie folgt: Nutzer entschieden, ob der Bitcoin-Preis am Ende eines Fünfminutenfensters höher oder niedriger liegen würde als zu dessen Beginn. Ein richtiger Ausgang zahlte 1 US-Dollar aus, ein falscher 0 US-Dollar .
Die Abrechnung stützte sich am Ende auf einen einzelnen, von Chainlink gelieferten Referenzpreis . Genau darin lag die Schwachstelle. Weil rund um die Uhr alle fünf Minuten ein neuer Kontrakt startete, konnte ein Händler eine große Position auf „steigend“ oder „fallend“ aufbauen und anschließend den Bitcoin-Spotpreis an einer großen Börse wie Binance oder Coinbase kurz vor dem entscheidenden Snapshot in die gewünschte Richtung bewegen .
Dazu musste der Preis nicht dauerhaft verändert werden. Ein kurzer Ausschlag unmittelbar vor dem Abrechnungszeitpunkt konnte genügen. Danach konnte sich der Markt wieder zurückbewegen – die Wette auf Polymarket war zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits entschieden.
Das Arbeitspapier von Forschenden der Stanford University und der Singapore Management University, das im Juli 2026 auf arXiv veröffentlicht wurde, analysierte rund 16.000 fünfminütige Bitcoin-Kontrakte über einen Zeitraum von zwei Monaten . Die wichtigsten Ergebnisse:
Die Studie beweist damit nicht, dass jedes der markierten Konten rechtswidrig gehandelt hat. Sie zeigt jedoch, dass die Struktur der fünfminütigen Märkte starke Anreize für eine solche Strategie schuf. Die Forschenden bezeichneten die Schwachstelle deshalb als „strukturell“ – sie war im Design der Kontrakte angelegt und nicht bloß das Ergebnis einzelner schwarzer Schafe .
Ein einzelner Snapshot macht den Abrechnungszeitpunkt zu einem klaren Ziel: Wer den Preis genau in diesem Moment beeinflusst, kann den Ausgang der Wette verändern. Ein TWAP verteilt die relevante Preisbildung dagegen über mehrere Sekunden.
Für einen Angreifer bedeutet das, dass ein kurzer Preissprung nicht mehr so leicht ausreicht. Er müsste den Markt über einen längeren Zeitraum in der gewünschten Richtung bewegen – mit höheren Kosten und einem größeren Risiko, dass sich die Position nicht auszahlt. Dass die Manipulationsmuster bei den längeren 15-Minuten-Kontrakten verschwanden, stützt diese Logik .
Der Befund ist auch deshalb relevant, weil er nicht grundsätzlich gegen Prognosemärkte spricht. Vielmehr deutet er darauf hin, dass Transparenz auf einer Blockchain allein keinen fairen Markt garantiert. Wenn die Abrechnungsregeln die falschen Anreize setzen, können selbst öffentlich nachvollziehbare Transaktionen ausgenutzt werden .
Die technische Reform kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Polymarket ohnehin unter besonderer regulatorischer Beobachtung steht. Zuständig ist in den USA vor allem die Commodity Futures Trading Commission (CFTC), die US-Aufsichtsbehörde für bestimmte Termin- und Derivatemärkte.
Für Nutzer der kurzfristigen Bitcoin-Märkte lautet die wichtigste Erkenntnis: Die scheinbar unkomplizierte Fünf-Minuten-Wette enthielt ein kaum sichtbares strukturelles Risiko. Wer nicht über genügend Kapital, Geschwindigkeit oder Marktkenntnis verfügte, konnte gegen Akteure antreten, die den Abrechnungsmechanismus gezielt ausnutzen wollten.
Der TWAP beseitigt nicht jedes Risiko und macht Märkte nicht automatisch fair. Er nimmt der letzten Sekunde aber einen Teil ihrer Macht. Für Regulierer bietet die Studie zugleich ein konkretes Prüfkriterium: Nicht nur die Transparenz einer Plattform zählt, sondern auch die Frage, ob ihre Abrechnungsregeln kurzfristige Preismanipulation belohnen.
Polymarkets Kurswechsel zeigt, dass Marktgestaltung reale Verteilungswirkungen hat. Die Plattform reagiert damit auf wissenschaftliche Hinweise und Beschwerden aus dem Markt. Angesichts der weiterhin laufenden CFTC-Prüfungen dürfte die Frage, wie belastbar und fair die Regeln von Prognosemärkten sind, jedoch noch länger auf der Tagesordnung bleiben.