Die anfängliche Euphorie über die zweiwöchige Waffenruhe im April – die den europäischen Leitindex Stoxx Europe 600 um 3,5 % nach oben schießen ließ, den größten Tagesgewinn seit einem Jahr – ist verpufft, nachdem die Gespräche ins Stocken gerieten . Ohne einen klaren Weg zur Deeskalation bleibt das Gleichgewicht, das die Märkte auf hohem Niveau hält, äußerst wackelig.
Trotz der Rekordhochs argumentiert Barclays, dass der Markt einen echten Friedensdeal – vor allem außerhalb der USA – noch lange nicht vollständig eingepreist hat . Seit Beginn des Konflikts Ende Februar floss Kapital überproportional in US-Aktien und Öl, während internationale Aktien, Anleihen und Gold deutlich zurückblieben
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Diese Schieflage in der Positionierung wirkt wie eine gespannte Feder. Bei einer nachhaltigen Einigung und fallenden Ölpreisen könnten genau jene Anlageklassen, die in den letzten Monaten abgehängt wurden, eine kraftvolle Neubewertung erleben. Barclays-Chefstratege Emmanuel Cau verweist auf die bereits bewiesene Sensitivität: Während der Erholungsrally im April machten die Aktienmärkte mehr als zwei Drittel ihrer kriegsbedingten Verluste wett, angetrieben von einer Eindeckungsrally (Short Squeeze) zuvor defensiv positionierter Anleger .
Das entscheidende Signal wird vom Ölpreis kommen. Barclays erhöhte seine Prognose für Brent-Öl für 2026 auf 100 Dollar pro Barrel und warnte, je länger die Störung der Straße von Hormus andauere, desto größer und hartnäckiger werde der Preisschock . Wie eng Märkte und Geopolitik derzeit verzahnt sind, zeigte sich am 25. Mai, als der Brent-Preis angesichts vager Friedenshoffnungen um rund sechs Prozent auf 97,55 Dollar einbrach
. Ein echter Friedensdeal, der die strategisch wichtige Wasserstraße wieder öffnet, würde diese Entwicklung verstetigen und einen großen Belastungsfaktor für die Weltwirtschaft beseitigen.
Die Region, die am stärksten von diesem Szenario profitieren dürfte, ist Europa. Seit Beginn des Iran-Krieges haben Anleger US-Aktien und Öl gegenüber europäischen Werten bevorzugt, was letztere chronisch unterpositioniert zurücklässt . Diese Untergewichtung ist der Treibsatz für überproportionale Kursgewinne, sobald die Stimmung kippt – wie der plötzliche Anstieg der europäischen Aktien um 3,5 % auf die Nachricht der April-Waffenruhe eindrucksvoll bewies
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Die Analyse von Barclays identifiziert drei sich verstärkende Faktoren:
Ölpreis-Sensitivität: Europa ist ein Netto-Importeur von Energie. Ein Friedensdeal, der die Ölpreise fallen lässt, würde europäischen Unternehmen über sinkende Kosten und europäischen Verbrauchern über mehr Kaufkraft überproportional helfen – ganz im Gegensatz zu den USA, wo der Energiesektor ein höheres Indexgewicht hat. Barclays hatte zuvor gewarnt, dass ein Ölpreis von über 100 Dollar das Gewinnwachstum in Europa bestenfalls in den niedrigen einstelligen Bereich drücken könnte . Das Entfallen dieses Drucks würde den umgekehrten, vergrößerten Effekt haben.
Positionierungs-Asymmetrie: Die seit Konfliktbeginn aufgeklaffte Lücke zwischen den Kapitalflüssen in US- und europäische Aktien bedeutet, dass an der Seitenlinie viel „trockenes Pulver“ für Europa bereitliegt. Ein Friedensdeal könnte eine „kraftvolle Eindeckungsrally (Short Squeeze)“ auslösen, wenn pessimistische Wetten aufgelöst und Untergewichtungen geschlossen werden .
Bewertung und zyklische Ausrichtung: Schon vor den aktuellen Spannungen identifizierte Barclays europäische Aktien als eine „günstige Kaufoption auf Aufschwung“ („cheap upside optionality“), mit einem Fokus auf Value- und zyklische Werte, die von einer Reflationierung profitieren . Die europäischen Märkte sind weit weniger abhängig vom KI-Hype, der die US-Bewertungen in die Höhe getrieben hat. Ihr Erholungspotenzial ist daher viel direkter an eine Normalisierung der geopolitischen Lage und der Energiepreise gekoppelt.
Der weitere Weg hängt entscheidend davon ab, ob die Verhandlungen ein dauerhaftes Abkommen hervorbringen oder nur die gegenwärtige brüchige Waffenruhe verlängern. Barclays-Analysten warnen, dass der Markt derzeit bereits eine etwa 25-prozentige Wahrscheinlichkeit einer schwerwiegenden Energiestörung einpreist, da die globalen Aktienmärkte nur etwa 3 % unter ihren Höchstständen notieren . Das deutet darauf hin, dass Investoren auf ein glimpfliches Ende wetten – doch der Raum für Enttäuschungen bleibt groß.
Für Trader sind die entscheidenden Wegweiser: die Reaktion der Ölpreise auf Verhandlungsschlagzeilen, die relative Stärke europäischer Futures im Vergleich zu US-Indizes bei friedensbezogenen Nachrichten und jeglicher konkrete Fortschritt bei der Wiedereröffnung der Straße von Hormus. Wie Barclays es formuliert: Der Markt handelt nicht mehr nach Fundamentaldaten – er handelt die Zeitachse des Krieges . Wenn diese Uhr stehen bleibt, könnte die größte Bewegung von jenen Anlageklassen ausgehen, die am längsten darauf gewartet haben.